Von Sebastian Fischer hat man in den vergangenen zehn Jahren nicht wirklich viel gehรถrt, obwohl der in MeiรŸen zwei Mal als Direktkandidat gewรคhlte CDU-Mann sogar weinbaupolitischer Sprecher der CDU-Fraktion war und 2013 sogar versuchte, Sachsen wieder eine Sachsen-Hymne zu verpassen. Aber am 1. September hat er sein Mandat in MeiรŸen an Mario Beger von der AfD verloren. Die โ€žZeitโ€œ versuchte am Mittwoch, 4. September, Fischers Dilemma zu verstehen. Das eigentlich das Dilemma der sรคchsischen CDU ist.

Denn gerade in den ostsรคchsischen Kreisverbรคnden unterscheidet sich die CDU nicht wirklich so enorm von der AfD. Viele erfolgreiche AfD-Politiker waren mal enttรคuschte CDU-Mitglieder. Enttรคuscht, weil ihnen die CDU nicht rechts genug war. Und das, obwohl nicht nur Fischer so vehement auf Identitรคtspolitik gesetzt hat, eigentlich das Ur-Thema der sรคchsischen CDU, die von Anfang an auf die Sachsen-Karte gesetzt hat, darauf, dass Sachsen etwas Besonderes ist. Der sรคchsische Heimatsender spielt denn auch seit fast 30 Jahren das Heimat-Lied rauf und runter, auch wenn er eigentlich MDR heiรŸt.

รœber die heimattรผmelnden Image-Kampagnen der CDU-Regierung haben wir ja schon genug geschrieben. Im besten Fall waren sie ein Abklatsch bayerischer Bierwerbungs-Formate mit dem eingeblendeten Ruhm auf die noch existierenden Weltmarktfirmen im Land. Die es gibt. Die es aber nicht gibt, weil die CDU regiert oder die sรคchsische Identitรคts-Politik besonders fleiรŸige und geniale Unternehmer ergibt. Eher ist es andersherum. Auch das versteckt sich hinter dem sรคchsischen Dilemma: Wer wirklich Neues unternehmen will, lernt die sรคchsische Bรผrokratie kennen. Aber so richtig.

Und zwar erst recht, wenn seine Ideen mal nichts mit Logistik, Maschinen oder Autos zu tun haben.

Dass die sรคchsische Wirtschaftslandschaft so schmalbrรผstig und der Mittelstand immer noch so dรผnn vorhanden sind, hat genau damit zu tun.

Und dann solche Typen wie Fischer โ€ฆ

Eigentlich, so schรคtzt es die โ€žZeitโ€œ ein, hat er doch im Wahlkampf gegen den patriotischen Herrn Beger alles richtig gemacht: โ€žรœberhaupt trennen den CDUler und die AfD nicht viele Positionen. Das war der entscheidende zweite Punkt von Fischers Agenda. Er gab den Wรคhlerinnen und Wรคhlern kaum Grรผnde, auf die AfD umzuschwenken. Auch Fischer ist fรผr strenge Asylpolitik und Abschaffung der Russland-Sanktionen, gegen Gemeinschaftsschulen und gegen Frauenquoten.โ€œ

Das klingt nicht logisch. Das klingt eher nach einem รœberbietungswettkampf am rechten Rand, den die CDU โ€“ wenn sie รผberhaupt noch fรผr Wรคhler der Mitte wรคhlbar sein will โ€“ nicht gewinnen kann. Schon gar nicht in einem Milieu, in dem Rassismus nicht einmal mehr als Rassismus begriffen wird. Man soll ja nicht behaupten, dass das stete Verwischen der Grenzen vonseiten der AfD keine Wirkung zeigt. Die zeigt es sehr wohl.

Denn nicht einmal die AfD-Wรคhler in MeiรŸen kรถnnen behaupten, dass es ihnen schlecht gehe. Im Gegenteil. Die Einkommen steigen, den meisten geht es gut. Aber die AfD ist eine apokalyptische Partei, die dort ร„ngste schรผrt, wo die Wรคhler offen sind fรผr Angstmache.

So, wie auch die โ€žZeitโ€œ schreibt: โ€žBesonders geรคrgert hat Fischer sich รผber ein Video, das Beger kurz vor der Wahl auf seinem Facebook-Profil hochgeladen hat. Darin sagt der AfD-Mann dรผstere Sรคtze vor dramatischen Bildern. ,Die Freiheit wird uns hier scheibchenweise weggenommen โ€ฆ In jedem Land dieser Welt kann die Bevรถlkerung stolz auf ihre Nationalitรคt sein. Nur wir Deutschen dรผrfen das nicht โ€ฆ Das steht uns bevor, eine Geldentwertung, eine Enteignungswelle, die Grรผnen, die wollen eine komplett neue Energiepolitik โ€ฆ Was das fรผr Arbeitsplรคtze kostet โ€ฆโ€˜ Fischer tobt innerlich noch immer. ,Der Clip hat sich verteilt wie sonst was. Und die Leute glauben solche Botschaften.โ€˜โ€œ

Man ahnt es schon โ€“ und eigentlich weiรŸ man es aus den Zeiten von Hitlers Propaganda-Spezialisten Joseph Goebbels: Mit Angst macht man Politik. Damals kam tatsรคchlich noch eine ausgewachsene Wirtschaftskrise hinzu. Aber wenn Menschen kein Bild von dem haben, was in Zukunft auf sie zukommt, sind sie offen fรผr Apokalypsen, Verschwรถrungstheorien und die Heilsversprechen von Leuten, die Untergรคnge wohlfeil im Instrumentenkoffer haben.

Denn Apokalyptiker sind keine solidarischen Leute. Sie tun nur so. Sie leben davon, dass sie Menschen in Untergangsphantasien verstricken und Feinde an die รผberdimensionierte Leinwand beamen, die es so schrecklich noch nie gegeben hat. Diese Politik wirkt รผber Emotionen und Phantasie. Und nichts kรถnnen sich Menschen leichter vorstellen als schlimme Katastrophen. Erst recht, wenn sie รผberzeugt davon sind, dass sie selbst nichts mit diesen Katastrophen zu tun haben. Sondern immer die anderen โ€“ die โ€žda obenโ€œ oder die politische Konkurrenz.

Da kann ein Fischer nicht mithalten. Der รผbrigens auch Vorsitzender des Ausschusses fรผr Umwelt und Landwirtschaft war, jenes Landtags-Ausschusses, in dem die sรคchsische Agrarlobby alles, aber wirklich alles verhindert hat, was an Verbesserungen im Naturschutz nรถtig gewesen wรคre.

Wofรผr steht dann ein CDU-Mann wie Fischer?

Kann es sein, dass die AfD deshalb gewonnen hat, weil sie die Identitรคtspolitik der CDU einfach noch einmal รผberboten hat, die Dosis also erhรถht, bis sie toxisch wurde, und die Leute gar nicht mehr sehen wollen, dass die Partei gar keine wirklichen Zukunftsangebote macht?

Das lass ich mal als Frage stehen, weil Fischer eben auch fรผr jene CDU-Politiker steht, die nicht auf Inhalte und Lรถsungsvorschlรคge, sondern auf Identitรคtspolitik gesetzt haben, so, wie es Wikipedia zusammenfasst: โ€žSeine Arbeit in diesem Bereich wird sehr kritisch begleitet, unter anderem weil er 2015 mit der Pegida-Bewegung ins Gesprรคch kommen wollte. Ferner tritt der in sozialen Medien รผberdurchschnittlich aktive Politiker in der Facebook-Gruppe ,Betroffene von Auslรคnderkriminalitรคt in Sachsenโ€˜ mit Bรผrgern in Kontakt, die sich ablehnend mit der Zuwanderungspolitik der Bundesregierung auseinandersetzen.โ€œ

Auch Sachsens CDU wird in den nรคchsten fรผnf Jahren klรคren mรผssen, wohin sie tatsรคchlich will. Denn wie Psychotherapeuten und auch Paarberater gern betonen: โ€žMan kann nicht nichts sagen.โ€œ Denn auch Nichts-Sagen sagt etwas aus. Es kann als Ablehnung oder Gleichgรผltigkeit rรผberkommen. Oder als Arroganz oder Ignoranz, selbst dann, wenn es โ€“ wie bei Angela Merkel โ€“ nur politische Sparsamkeit ist.

Natรผrlich fรคllt es schwer, dieses Nichts-Sagen mit Inhalt zu fรผllen, gerade wenn die oberste Chefin das Nichts-Sagen geradezu zur Tugend erhoben hat. Aber gerade dann funktioniert der Versuch, auf eine wie auch immer geartete โ€žIdentitรคtโ€œ zu setzen, nicht. Denn wer so anfรคngt, konstruiert immer ein Wir-hier gegen Die-da. Der teilt und erklรคrt damit auch sofort, wer dazugehรถrt und wer nicht. Ein Spiel, das die AfD blendend beherrscht, und das auch Fischer versucht hat, mitzuspielen. Man mรผsse die AfD โ€žmit Argumenten entzaubernโ€œ, meinte er noch.

Ich denke eher: mit Taten und Lรถsungen und echten Angeboten fรผr eine Zukunft, die die Opferrollenspieler von der AfD immer nur schwarz malen, weil sie fรผr diese Zukunft keine Idee haben.

Und die CDU? Wenn sie die nรคchsten fรผnf Jahre รผberstehen will, braucht sie solche Ideen, handfest und umsetzbar. Die alten Sachsenhymnen funktionieren nicht mehr. Und die neuen leider auch nicht, wie uns jรผngst DJ Happy Vibes hรถren lieรŸ.

Die neue Sachsen-Hymne:

Die Serie โ€žNachdenken รผber โ€ฆโ€œ

 

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