Warum fรผhlen sich so viele Sachsen einsam, ausgegrenzt und zurรผckgesetzt? Mit der Frage beschรคftigt sich Sachsens Integrationsministerin Petra Kรถpping (SPD) nun schon seit drei Jahren. Kann es sein, dass das auch viel mit SPD-Politik zu tun hat, einer Politik, die der SPD nun auf die Fรผรe fรคllt? Und ganz zentral mit dem desastrรถsen Projekt โHartz IVโ?
Die Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thรผringen nahen. Westdeutsche Medien malen seit der Europawahl am 26. Mai das groรe hellblaue AfD-Gespenst an die Wand und kommen aus den Warnungen, die AfD kรถnne gleich in drei Regierungen einziehen, nicht mehr heraus.
Aber warum wรคhlen die Ostdeutschen dann so viel AfD?
Petra Kรถppings Interpretation: โDie 90er Jahre waren von dem Zeitgeist geprรคgt: โWenn jeder an sich denkt, ist an alle gedachtโ. Die Auswirkungen spรผren wir bis heute: Nach einer aktuellen Studie der deutschen Wirtschaft fรผhlt sich fast jeder zehnte Mensch einsam. Das ist nicht nur traurig, das ist ein Armutszeugnis fรผr unsere Gesellschaft. Vor allem im Osten wird diese Entwicklung besonders gespรผrt, denn hier haben die Formen von Zusammenhalt und Gemeinsinn wie Nachbarschaftshilfen, Rentnertreffs und Begegnungsrรคumen merklich abgenommen. Abwanderung, Arbeitsdruck und Lebensbrรผche in der Nachwendezeit haben dazu gefรผhrt, dass wir weniger miteinander reden.โ
Eine Interpretation, die an manchen Punkten die sehr offensive Kritik von Fanziska Schreiber streift, jener jungen Dame, die bis 2017 im Vorstand der Jungen Alternative mitarbeitete und nach dem Austritt das Enthรผllungsbuch โInside AfDโ schrieb. Im Video bringt sie ihre Erklรคrung fรผr die ostdeutschen (Protest-)Wahlergebnisse kurz auf den Punkt.
Darum wรคhlen Ossis rechts! | Franziska Schreiber
Aber wie kann man das in der Regierungspolitik รคndern? Petra Kรถpping hat ja selbst 2018 ein streitbares Buch zu dem Thema verรถffentlicht: โIntegriert doch erst mal uns!โ
โIch mรถchte, dass wir uns in der nรคchsten Legislatur noch mehr mit den Menschen beschรคftigen und dem, was uns als Gesellschaft guttutโ, erklรคrt Petra Kรถpping, die zur Landtagswahl auch wieder als Kandidatin fรผr die SPD antritt. โDazu werden wir drei Dinge tun:
Erstens brauchen wir eine neue soziale Politik. Durch Hartz IV wurden viele Menschen vom sozialen Leben ausgegrenzt. Ich will mit zentralen Prinzipien von Hartz IV und der Agenda-Politik brechen. Das habe ich bereits in meinem Buch โIntegriert doch erst mal unsโ aufgeschrieben. Die SPD hat ihr Konzept โDer neue Sozialstaatโ vorgelegt. Diesen Weg werden und mรผssen wir weitergehen! Das mรผssen wir auch aus Sachsen heraus unterstรผtzen.
Zweitens brauchen wir wieder mehr Begegnungsstรคtten und Kรผmmerer vor Ort. Hier wurde in der Vergangenheit massiv gespart. Ich will mich verstรคrkt darum kรผmmern, dass Angebote zur Begegnung entstehen. Insbesondere fรผr arme und รคltere Menschen ist das ganz wichtig. Dazu finde ich das Konzept der Mehrgenerationenhรคuser ebenso richtig wie die Frage nach genossenschaftlich organisierten Dorflรคden. Mit solchen Konzepten werden wir uns in der nรคchsten Legislatur beschรคftigen und รผberlegen, wie wir sie fรถrdern kรถnnen.
Um das bewusst und koordiniert tun zu kรถnnen, mรถchte ich nicht zuletzt den Geschรคftsbereich fรผr Gleichstellung und Integration zu einem Sรคchsischen Staatsministerium fรผr Teilhabe und gesellschaftlichem Zusammenhalt ausbauen. Hier kรถnnen wir uns gezielt dem Problem der Einsamkeit stellen und Lรถsungen entwickeln.โ
Da stรถรt dann die รผbliche westdeutsche Haltung des โZeitโ-Korrespondenten Mark Schieritz natรผrlich deutlich ab, wenn er schreibt: โAber zur Wahrheit gehรถrt auch: Es ist extrem schwer, wenn nicht unmรถglich, derartige regionale Abstiegsprozesse umzukehren. Die Italiener haben das mit viel Geld im Mezzogiorno versucht, allerdings mit eher bescheidenem Erfolg. Wenn die Industrie erst einmal weg ist, kommt sie hรคufig nicht zurรผck. Ob die milliardenschweren Strukturhilfen des Kohlekompromisses die Lausitz in eine blรผhende Landschaft verwandeln, ist also fraglich. Es wรคre schon viel gewonnen, wenn es nicht weiter nach unten gehtโ, schreibt er in seinem Kommentar, in dem er empfiehlt: โIgnoriert den Osten!โ
Kann man machen.
Aber das sucht die Lรถsung wieder in der regionalen Ebene. Aber so hat Wirtschaftsansiedlung noch nie funktioniert. Aber dieses falsche Denken steckt in den Kรถpfen konservativer Politiker, die nicht wirklich in der Lage sind, in Metropolstrukturen zu denken, auch wenn sie so gern vom โSilicon Valleyโ schwรคrmen.
Den Netz-Charakter des kalifornischen Hightech-Reviers haben sie bis heute nicht begriffen. Und sehen deshalb auch nicht, wie die moderne, digitale Wirtschaftsentwicklung sich auf Knotenpunkte wie Leipzig, Berlin, Jena fokussiert. Man muss auch die Lausitz ( und alle anderen Regionen) in funktionierende Netze einbinden. Dann wird ein Schuh draus.
Es ist dieses ewige Lamento รผber die โbenachteiligten Regionenโ, das mittlerweile so auf den Keks geht. Das Lamento lรคsst gar keinen Platz dafรผr zu sehen, dass der Osten lรคngst andere Strukturen ausgebildet hat โ die man am 1. September, bei den drei Landtagswahlen, vielleicht doch lieber nicht ignoriert.
Videointerview (Teil 1): โIhr habt nicht rechtโ sagen, reicht nicht mehr โ Staatsministerin Petra Kรถpping (SPD) im Gesprรคch
Die Leipziger Zeitung Nr. 68 ist da: Game over! Keine Angst vor neuen Wegen
Die Leipziger Zeitung Nr. 68 ist da: Game over! Keine Angst vor neuen Wegen
So kรถnnen Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstรผtzen:
Es gibt 2 Kommentare
Nun, erst die Rentner jetzt Hartz IV-Empfรคnger. Die Wahl rรผckt nรคher. Zum totlachen.
Nein, dazu ist es zu ernst. Diese Verlogenheit lรครt einem den Atem stocken.
Als Bรผrgermeisterin und Landrรคtin eine Politik vertreten, nach der es ohne befristete und prekรคre Arbeitsverhรคltnisse nicht gehen wรผrde, damit nicht nur aktuell fรผr wรผrdelose Arbeitsverhรคltnisse zu stehen sondern auch fรผr zukรผnftige Altersarmut. Und gleichzeitig fรผr die aktuellen Rentner โkรคmpfenโ wollen.
Heute erklรคren, gegen Hartz IV zu sein und mit dem Finger nach Berlin zeigend, die eigene Verantwortung verleugnend. Da bleibt einem die Spucke weg.
Aber das tat sie schon nach der Wende. Als Bรผrgermeisterin zur Wahl der Wahlen im Mai โ89 fรผr die SED kandidierend und nach der Wende, als andere versuchten, den Karren, den sie und ihreseigleichen in den Dreck gefahren haben, wieder aus diesem zu ziehen, da hat sie sich verpiรt. Versicherungen verkauft. Verkaufen scheint ihr zu liegen.
Die Krรถnung ist das โsรคchsische Teilhabeministeriumโ. Ich habe niemanden spalterischer kennengelernt, als Kรถpping. Die ihr gesamtes politisches โKรถnnenโ an ihre Protagonistin Lantzsch weitergegeben hat. โIch weiร besser, was die Bรผrger wollen!โ Solche Art Politiker haben Parteienverdrossenheit geschaffenโฆ. und toben ihre privaten Interessen nun in dem Vakuum aus.
Es ist wichtig in dem Kontext โeinsamโ und โalleinโ zu trennen. Einsam kann man auch unter vielen Menschen sein. Umgekehrt muss man nicht einsam sein, nur weil man allein ist. Selbstverstรคndlich kann man aber einsam und allein sein.
Will man die Ursachen bekรคmpfen, ist es aber zwingend die beiden Begriffe trennscharf auseinander zu halten.