Es dauerte nur wenige Minuten nach dem Vortrag und der kurzen Podiumsdebatte am 14. Mai in Grimma, als die ersten Anwesenden loslegten. Wie nah das Thema Treuhand und Nachwendezeit vielen noch geht, zeigten die teils hochemotionalen Geschichten, welche die Menschen mitgebracht hatten. Immer jedoch schwang โ€“ unter Ablehnung des Jammerns โ€“ ein gewisses Gefรผhl mit, sich und die Leistungen vor und nach der Wende nicht genรผgend gewรผrdigt zu sehen. Bis hinein in den Bildungsbetrieb, die Deindustrialisierung des Ostens und die Forschung in Sachsen reichen die Wirkungen so mancher TreuhandmaรŸnahmen bis heute fort.

Es wird ja gerade wieder gerรคtselt, was die Ostdeutschen teilweise noch bis heute fuchsig macht. Dabei muss man ihnen eigentlich nur mal zuhรถren. Relativ schnell werden die Gefรผhle klarer: Trotz harter Arbeit nach 1989 erleben sie nun verรคnderte (gesenkte) Rentenschlรผssel, fehlende Fรผhrungspositionen fรผr sich seither bis heute und eine oft deutliche Schlechterstellung bei den finanziellen Voraussetzungen- wenn sie so gen Westen schauen.

In welchen viele gingen und dort in Millionenzahl arbeiteten, ihre Chance suchten. Einsamkeit fรผr die, die zurรผckblieben, entstand so ebenso wie der Eindruck, nicht aufsteigen zu kรถnnen. Und so mancher erlebte auch ganz reale Ungerechtigkeit โ€“ im Umgang mit seiner Vergangenheit, mit seinem FleiรŸ und seinen Kenntnissen, die keiner mehr zu benรถtigen schien.

Gleichzeitig lernten sie nach dem โ€œKulturbruchโ€ eine neue Gesellschaft kennen, eine die sich anfangs viele gewรผnscht hatten, die jedoch bald mit BetriebsschlieรŸungen, Arbeitslosigkeit und nahezu ausschlieรŸlich westdeutschen Vermietern, Richtern und Medien auf sie zukam. Dass sie dabei auch viel lernten, will mancher in Westdeutschland bis heute nicht begreifen. Dass die Ursache nach wie vor in einem starken รถkonomischen Ungleichgewicht zwischen Ost und West liegt, wurde lange negiert, weggeredet und mit markigen Heimatsprรผchen vor allem in Sachsen รผbertรผncht.

28 Jahre danach wird es wohl Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Die Frage, was nun mit den Treuhandakten werden soll, steht ebenfalls im Raum โ€“ derzeit unterstehen die 70 Kilometer Akten dem Bundesfinanzministerium und damit Olaf Scholz (SPD). Bรถick zog den Vergleich โ€“ die gesamte Aktenlage zur NS-Zeit umfasst โ€œnurโ€ 40 Kilometer.

Dass mancher รผber seine persรถnlichen Nachwendeerfahrungen bis heute wirklich wรผtend ist, konnte man auch am Abend in Grimma erleben. Und immer schwang die Frage nach mรถglichen Alternativen mit โ€“ Alternativen, die bis heute zu diskutieren sind.

Video der Diskussion am 14. Mai 2018 in Grimma. Video: L-IZ.de (Fรผr die mittlere Tonqualitรคt bitten wir um Verstรคndnis, ein Anlagenanschluss war an diesem Tage leider nicht mรถglich).

Zum Vortrag von Dr. Marcus Bรถick (TU Bochum) vor der Debatte vom 14. Mai 2018.

Zu treuen Hรคnden: Interview mit dem Treuhand-Forscher Marcus Bรถick (Uni Bochum)

Zu treuen Hรคnden: Interview mit dem Treuhand-Forscher Marcus Bรถick (Uni Bochum)

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