Drei Tage, nachdem durch die L-IZ.de bekannt wurde, dass der Anschlag auf die Wohnung von Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) im November vorigen Jahres von mindestens einem Rechtsextremisten verรผbt wurde, richten sich mittlerweile die Blicke nach Dresden. Das Landesamt fรผr Verfassungsschutz und Innenminister Markus Ulbig (CDU) hatten die Tat unter Getรถse der CDU zu Jahresbeginn der linken Szene zugeschrieben. Seither schwiegen die Behรถrden zu den Ermittlungen. Warum eigentlich?
Dass ein paar zerbrochene Fensterscheiben und verschรผttete Buttersรคure รผberregionale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, kommt in der Messestadt hรถchst selten vor. Vermutet die Polizei einen politisch motivierten Hintergrund oder kรถnnten rivalisierende Hooligans hinter der Tat stecken, findet so ein Angriff manchmal noch nicht einmal den Weg in die tรคglichen Polizeimeldungen, wo die Beamten aus rund 80 Straftaten am Tag eine Auswahl treffen. Die Presseabteilung der Leipziger Polizei informiert รผber politische Delikte meist nur auf direkte Anfrage, oft รผbernimmt schnell das Operative Abwehrzentrum (OAZ) diese Aufgabe. Die Tรคter sollen sich nicht mehr als unbedingt nรถtig im Rampenlicht der Lokalmedien sonnen, immer hat man auch eventuelle Nachahmer im Hinterkopf.
Im Fall des sรคchsischen Justizministers Sebastian Gemkow (CDU) war alles anders. Was blieb den Behรถrden auch รผbrig? Ein Angriff auf die Privatwohnung eines sรคchsischen Staatsministers bleibt in Leipzig nicht lange unbemerkt, die Medien waren in Alarmstellung, der รถffentliche Aufschrei unรผberhรถrbar. Die Fragen nach den Hintergrรผnden schallten durch die sรคchsische Medienlandschaft, der รbergriff erschรผtterte auch die Gewissheit manches Politikers, gerade im eigenen Wohnumfeld sicher vor Angriffen zu sein.
Umgehend stรผrzten sich auch hochrangige CDU-Mitglieder ins Getรผmmel, allerdings weniger fragend. Praktisch mit der Tat schienen einige sicher, es kรถnnte sich nur um einen linksextremen Anschlag handeln. Wรคhrend sich unter Anderem Sachsens CDU-Generalsekretรคr Michael Kretschmer mit diesen Behauptungen in die Bresche warf, nannte es die Leipziger CDU-Fraktion sogar โeine terroristische Attackeโ. Einen Twitterbeitrag von Kretschmer zum Vorgang teilten mit Bettina Kudla und Dr. Thomas Feist immerhin auch zwei Leipziger CDU Abgeordnete des Deutschen Bundestages.

Bestรคtigung aus den Behรถrden
Anfang Januar 2016 bereits wagte sich ein Sprecher des sรคchsischen Verfassungsschutzes an die รffentlichkeit, um die Vorwรผrfe zu untermauern. Die Tat gehe auf das Konto von Linksextremen. Und die Gewalt einer sogenannten โLeipziger Antifaโ, wer immer das auch sein mag, habe gar eine ganz neue Qualitรคt erreicht. Innenminister Markus Ulbig (CDU) war sich nicht zu schade, die Einschรคtzungen des Nachrichtendienstes in seinen Antworten auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Kerstin Kรถditz (Linke) ausfรผhrlich zu wiederholen.
Heute ist klar: Der sรคchsische Geheimdienst wusste โ nichts. Oder kannten die Schlapphรผte bereits die wahren Tรคter? Wollten sie Ermittler und รffentlichkeit also bewusst in die Irre fรผhren? Es bleibt demnach beim sรคchsischen Verfassungsschutz nicht zum ersten Mal: Entweder inkompetent und schwatzhaft oder bรถsartig und politisch rechtslastig vorgeprรคgt. Auch jetzt, nach den bekanntgewordenen Anklagen gibt es keine neuen Hinweise seitens des Amtes.
Was bei einer unterstellten Absicht nach einer herbeihalluzinierten Verschwรถrungstheorie klingt, wรผrde im krisengeschรผttelten Freistaat Sachsen niemanden mehr ernsthaft vom Hocker reiรen. Leider, muss man mittlerweile sagen. Eine lange Reihe von Skandalen spricht gegen die Glaubwรผrdigkeit des Verfassungsschutzes auch Jahre nach dem NSU-Debakel, gegen Markus Ulbig und โ seit dem Fall Al-Bakr โ in ersten Zรผgen auch gegen Justizminister Gemkow.
Eine seltsame Stille in einem prominenten Fall
Es scheint ehrlicherweise kaum mรถglich, dass der amtierende Staatsminister fรผr Justiz nichts vom Ermittlungserfolg des OAZ, geschweige nichts von der Anklage gegen mindestens einen einschlรคgig bekannten Leipziger Rechtsextremisten wusste. War der Fall immerhin wochenlang Thema in den Medien und betraf er ihn schlieรlich auch persรถnlich. Dennoch unterlieร es nun die Leipziger Staatsanwaltschaft nach Anklage der beiden 29-jรคhrigen Tatverdรคchtigen die รffentlichkeit zu informieren.
Schwerwiegender noch vor dem Hintergrund, dass einer der Beiden, Thomas K., ein behรถrdenbekannter Neonazi und Hooligan ist und gemessen an seinen Aktivitรคten und Vorstrafen seit Jahren unter stรคndiger Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen mรผsste. Inwieweit zudem die Vorgรคnge am 11. Januar in Leipzig Connewitz mit den Ermittlungen gegen 215 unmittelbar Tatverdรคchtige in Zusammenhang stehen, wird noch abzuwarten sein.
Wer hat die Entscheidung zur Nichtinformation getroffen?
Das Innenministerium wiegelt ab. โDas Sรคchsische Staatsministerium des Innern hat zu keinem Zeitpunkt auf irgendjemanden eingewirkt, um die Richtung der Ermittlungen oder die Berichterstattung zu beeinflussen, wie das jetzige Ermittlungsergebnis schlieรlich auch beweistโ, lรคsst eine Pressesprecherin auf Nachfrage wissen. Zynisch kรถnnte man entgegnen: Danke, dass nicht auch noch die Ermittlungen von dem politischen Gedrรถhn beeinflusst wurden und zumindest die Polizei den Passus โin jede Richtung zu ermittelnโ ernst nahm.

Gemkows Justizministerium wรคre gegenรผber der Leipziger Staatsanwaltschaft unmittelbar weisungsbefugt. Doch auch dort gibt man sich ahnungslos. โDas Staatsministerium der Justiz erteilt grundsรคtzlich keine Anweisungen zur Pressearbeit in einzelnen Ermittlungsverfahren der Sรคchsischen Staatsanwaltschaftenโ, sagt Pressesprecher Sebastian Hecht. Das gelte auch fรผr das Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Wohnung von Sebastian Gemkow. โDas heiรt, es gab keine entsprechende Weisung, Bitte oder Anregung seitens des Staatsministeriums der Justiz an die Staatsanwaltschaft Leipzig in dieser Sacheโ, so Hecht.
Hat die Staatsanwaltschaft also in Eigenregie entschieden, einen der auch in der politischen Wirkung wichtigsten Ermittlungserfolge des Jahres 2016 unter Verschluss zu halten? Immerhin war dieser Fall sogar Gegenstand einer Spiegel TV โ Reportage im Frรผhjahr 2016, in welcher sich die Investigativexperten der Ansicht anschlossen, beim Anschlag auf Sebsatian Gemkows Wohnung handele es sich um eine linksextreme Straftat. Es gรคbe also einiges aufzuarbeiten und klarzustellen seitens der Behรถrden.
Ricardo Schulz, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Leipzig betont, die Staatsanwaltschaft sei nicht von Amts wegen zur Information der รffentlichkeit verpflichtet gewesen. So weit, so richtig. Doch die Fallhรถhe ist damit vorgegeben โ eine Anklage nach einem Anschlag auf einen Staatsminister ist keine Wortmeldung mehr wert. Zukรผnftig wird man also nun auch noch darauf achten mรผssen, wie so die Auswahl der Presseinformationen bei Staatsanwaltschaften in Sachsen ist.
Fรผr Erstaunen sorgt auch die Begrรผndung. โIn vorliegender Sache hat sich die Staatsanwaltschaft unter Berรผcksichtigung des Tatvorwurfs, im Hinblick darauf, dass seitens der Medien seit vielen Monaten keinerlei Interesse an dem Fall gezeigt wurde und zudem der Sachverhalt mit Anklageerhebung mit zeitlichem Abstand Gegenstand einer รถffentlichen Hauptverhandlung vor einem Gericht werden wird, gegen eine Mitteilung von Amts wegen entschiedenโ, argumentiert der Oberstaatsanwalt gegenรผber L-IZ.de.
Spiegel TV รผbernimmt Verfassungsschutzaussagen & Anschlag auf Gemkow als โlinksextreme Tatโ in Reportage
Im Fazit hat sich demzufolge die Staatsanwaltschaft Leipzig also entschieden, den Angriff auf eine Minister-Wohnung fรผr unbedeutend genug zu finden, um keine Pressemitteilung รผber die Anklageerhebung gegen die beiden Tatverdรคchtigen zu versenden. Oder man wollte halt spรคter noch informieren. Denn nun wird mit der langen Frist seit dem Geschehen und dem fehlenden medialen Interesse argumentiert. Welches, wie seit den erstmaligen Verรถffentlichungen der L-IZ.de am 9. Dezember 2016 sichtbar, in ganz Deutschland vorhanden ist.
Die CDU Sachsen zeigt sich hingegen schweigsam. Rechter โTerrorโ, mรถchte man einen Anschlag auf eine Privatwohnung eines Politikers so nennen, scheint keinen Aufschrei wert zu sein. Mehr als ein dรผnnes Lob an die Ermittler brachte Michael Kretschmer jedenfalls via Twitter nicht รผber die Lippen โ quasi ein diametral gegenteiliges Verhalten, wie bei der voreiligen Verurteilung angeblich linksextremer รbernahme der Stadt Leipzig. Mal sehen, wie sich die Haltung des CDU-Generalsekretรคrs weiterhin entwickelt, wenn die ersten Anklagen rings um die vom Verfassungsschutz unbemerkt vorbereitete Zerstรถrungsaktion in Leipzig Connewitz durch rechte Hooligans und Rechtsextremisten erfolgen.
Die werden dann รผbrigens auch mehr als ein Jahr her sein, wie der Fall Gemkow vom 24. November 2015. Hoffentlich ist dann nicht auch wieder irgendwer der Meinung, es gรคbe kein mediales Interesse an seit Jahren bestehenden organisierten, rechten Gewaltstrukturen in Leipzig und Sachsen.
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https://www.l-iz.de/bildung/medien/2016/11/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108
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Es gibt 2 Kommentare
Um die Frage fรผr die vergangenen 10 Jahre zu beantworten. Mir persรถnlich ist derzeit kein Fall in Erinnerung, wo Taten erst rechts vermutet und dann links angesiedelt waren. Aber vielleicht kann ja jemand anderer weiterhelfen.
Ein Schelm, der bรถses dabei vermutetโฆ Wie oft werden eigentlich rechte Tรคter_innen vermutet und im Nachgang als linke Tรคter_innen festgestellt? Aber so kann die Sรคchsische Law-and-Order-Politik (gleiches gilt fรผr Polizei etc.) natรผrlich herrlich der eigenen Klientel oder deren rechten Ablegern in die Hรคnde spielenโฆ