KommentarEine faire Debatte รผber den Koalitionsvertrag sollte es werden. Das hatte der Bundesparteitag der SPD im Januar entschieden. Die Realitรคt sieht anders aus: Der Bundesvorstand schiebt Groko-Kritiker an den Rand. Selbst in den nun verschickten Unterlagen fรผr das Mitgliedervotum spielen Gegenargumente keine Rolle. Ein โ€žJaโ€œ zur GroรŸen Koalition wรคre deshalb auch ein โ€žJaโ€œ zu Wortbruch und Demokratiefeindlichkeit.

Spรคtestens jetzt stellt sich fรผr alle SPD-Mitglieder eine grundsรคtzliche Frage. Es ist nicht die Frage, ob ihre Partei im Mรคrz in eine GroรŸe Koalition mit der Union eintreten soll, sondern es ist die Frage nach Moral und Glaubwรผrdigkeit.

Zur Erinnerung: Nachdem der ehemalige Parteivorsitzende Martin Schulz kurz nach der Bundestagswahl erklรคrt hatte, dass die SPD โ€žfรผr den Eintritt in eine GroรŸe Koalition nicht zur Verfรผgungโ€œ stehe und er fรผr sich persรถnlich โ€žganz klarโ€œ ausgeschlossen hatte, in eine Regierung von Angela Merkel einzutreten, musste er sich im neuen Jahr in beiden Fรคllen korrigieren. SPD und Union handelten einen mรถglichen Koalitionsvertrag aus und Schulz wurde nach Abschluss der Gesprรคche als mรถglicher AuรŸenminister benannt.

Zwei Tage spรคter erklรคrte er unter massivem Druck innerhalb der eigenen Partei und der ร–ffentlichkeit seinen Verzicht auf das Ministeramt.

ร„hnlich verhรคlt es sich mit Olaf Scholz. Dieser hatte im vergangenen Dezember dem Hamburger Abendblatt gesagt, dass er im Falle einer Groko-Neuauflage nicht nach Berlin wolle. Nun heiรŸt es jedoch, dass der Erste Bรผrgermeister von Hamburg als Finanzminister und Vizekanzler eingeplant ist.

Kein faires Verfahren

Noch mehr als รผber diese Rรผckzieher sollten sich die SPD-Mitglieder allerdings darรผber รคrgern, wie ihre Fรผhrung mit parteiinternen Gegnern umgeht. In einem Beschluss vom Bundesparteitag im Januar 2018 heiรŸt es: โ€ž[Es] ist uns wichtig, dass ein Abstimmungsverfahren angesichts der leidenschaftlichen Debatte in der Partei von besonderer Fairness gekennzeichnet ist. Zur Gewรคhrleistung eines fairen Verfahrens wird der Parteivorstand sicherstellen, dass im Rahmen der ร–ffentlichkeitsarbeit, und vor allem auch im Rahmen von Diskussionsveranstaltungen, die diskursive Bandbreite der Debatte abgebildet wird.โ€œ

Davon ist seitdem nichts zu sehen. Im Gegenteil.

Wรคhrend die Jusos auf ihrer โ€žNo-Grokoโ€œ-Tour die Presse einladen, Koalitionsbefรผrworter aufs Podium setzen und die Veranstaltungen des konkurrierenden Parteivorstandes bewerben, setzt dieser auf Werbung statt Debatte. Bei den sieben Regionalkonferenzen sind keine Journalisten zugelassen, die Veranstaltungen der Parteijugend existieren laut Homepage nicht und auf den Podien tauchen Koalitionsgegner kaum auf.

Den Hรถhepunkt dieses autoritรคren Vorgehens markieren die nun verschickten Mitgliederbriefe zu den Abstimmungsunterlagen. Darin wirbt der Parteivorstand auf drei Seiten fรผr ein โ€žJaโ€œ zur GroรŸen Koalition und listet entsprechende Argumente auf. Die Gegenseite kommt in dem Anschreiben nicht zu Wort. Oder anders formuliert: Eine โ€ždiskursive Bandbreite der Debatteโ€œ ist nicht zu erkennen. Aber vielleicht ist das nur ehrlich. Vielleicht versteht der Parteivorstand die Wortmeldungen der Jusos gar nicht als Debattenbeitrag, sondern eher als Versuch der feindlichen รœbernahme.

Tรคuschung und Demรผtigung

Die SPD-Spitze hat somit nicht nur die breite ร–ffentlichkeit getรคuscht, indem sie eine GroรŸe Koalition zunรคchst ausschloss und dann doch darรผber verhandelte, sondern auch die gesamte Partei. Das Versprechen eines โ€žfairen Verfahrensโ€œ und die nun angetroffene Realitรคt stehen in einem fast schon grotesken Widerspruch zueinander. Dass die sogenannte Erneuerung mit Andrea Nahles kรผnftig von einer Vorsitzenden geleitet werden soll, die seit 20 Jahren fast ununterbrochen im Bundestag sitzt und jeweils vier Jahre Generalsekretรคrin und Bundesministerin war, ist dabei schon fast eine Randnotiz.

Wรคre das Mitgliedervotum lediglich eine Abstimmung รผber den Koalitionsvertrag, lieรŸen sich gute Argumente fรผr ein โ€žJaโ€œ finden, zum Beispiel die wichtigen Ministerposten. Selbst die Jusos prรคsentieren auf ihrer Homepage einige Pro-Punkte.

Doch der Parteivorstand hat mit seinem Vorgehen eine andere Frage in den Mittelpunkt gerรผckt: Wie oft will man sich als Mitglied der SPD eigentlich noch verarschen lassen?

Nachtrag der Redaktion: Die Aufarbeitung der letzten groรŸen Koalition hat seit September 2017 mittlerweile fefes Blog รผbernommen. Auch diese hat offenbar nur unzureichend stattgefunden und blieb meist nur auf das Erreichen des Mindestlohns beschrรคnkt. Eine Bilanz, welche natรผrlich nicht die SPD allein betrifft.

Zum aktuellen Koalitionsvertrag, der nun zur Debatte steht zum Download.

GroKo-Konferenzen des SPD-Parteivorstandes: Sachsen fehlt, die Presse auch

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Es gibt 5 Kommentare

Es gab Gutes? Und nun Fragen?
Die Peter Fox mit der AbriรŸbirne beantwortet?
Die AbriรŸbirne hatten die vergangenen Koalitionen von Rot/Grรผn, Schwarz/Gelb oder Schwarz/Rot quasi zum tรคglichen Besteck erklรคrt.

Wer mal einen Blick hinter die Kulissen geworfen oder gar in einer Partei mitgemacht hat, hat diese Fragen nicht (mehr).

Ich denke, die ganze Parteispitze weiรŸ, daรŸ sie nach der nรคchsten Wahl einpacken kรถnnen. Also wollen sie noch mal vier Jahre warme Sessel, um sich bei Industrie, Banken etc. anzubiedern und dann in die wirklich lukrativen Jobs zu wechseln. Der Rest ist denen scheiรŸegal.

โ€œMoral und Glaubwรผrdigkeitโ€ โ€“ da muss man echt Schmunzeln!
Wenn ich nur daran denke, wie sich u.a. ein Herr Tiefensee, aus Thรผringen zu Wort gemeldet und Herrn Schulz an das abgegebene Versprechen erinnert hat, kein Ministeramt anstreben zu wollen.

Ausgerechnet Herr Tiefensee, der im April 2005, nach seiner Wiederwahl zum OBM der Stadt Leipzig, den Bรผrgerinnen und Bรผrgern herzlich dankte und ihnen sieben Jahre angestrengte Arbeit fรผr die Stadt versprach, um im November 2005, ins Kabinett von Herrn Schrรถder, (als Bundesminister!) โ€œabzuschwirrenโ€.
Spรคter -2014- verzichtete Herr Tiefensee wiederum darauf, den Wahlkreis (welchen er nicht direkt errungen hat!) im Bundestag zu vertreten.
Er wechselte lieber nach Erfurt zu wechseln โ€“ wofรผr?
Richtig, wieder fรผr ein Ministeramt โ€“ klasse!

Wirklich, sehr lustig (oder traurig), wenn sich ausgerechnet solche Herrschaften, an Glaubwรผrdigkeit und gegebene Versprechen erinnern!

Ansonsten wird man sich in der SPD selbstverstรคndlich mit der โ€œGrokoโ€ anfreunden (hat man doch schon lange) โ€“ und man wird das Siechtum einfach nur weiter hinauszรถgern wollen!

Um das Land oder die Menschen geht es den Herrschaften doch schon lange nicht mehr, sonst hรคtten sie รผber die vielen Jahre eine andere Politik betrieben.

Es geht um Machterhalt und โ€œPostenverteilungโ€, das hat die Diskussion der letzten Tage und Wochen hinlรคnglich bewiesen!

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