Bis gestern noch gaben sich die Mannen um Andrรฉ Poggenburgs โAufbruch deutscher Patrioten Mitteldeutschland" (ADPM) โgespannt, ob nun beim dritten Anlauf wieder die grundgesetzlich garantierte Demonstrationsfreiheit verwehrt wirdโ. So sehen sie es, wenn sie am Mittwoch, 5. Juni ab 18 Uhr, in Leipzig-Connewitz eine Kundgebung und einen โProtestspaziergangโ abhalten wollen. Was die Stadt Leipzig nun erneut abgelehnt hat, es soll wie schon am 1. Mai 2019 erneut der Simsonplatz vor dem Bundesverwaltungsgericht sein. Dagegen hat Andrรฉ Poggenburg nun eine Klage angedroht, er will unbedingt nach Connewitz.
Hier geht es zum Liveticker vom 5. Juni 2019 in Leipzig.
Der ADPM will gern ins sรคchsische Landesparlament und hat dennoch wohl kaum eine Chance dazu. Die Wรคhler rechts der CDU haben sich auf die AfD eingeschossen, da sie hier eine Machtoption wittern, die alle weiteren rechten bis rechtsradikalen Gruppierungen nicht haben. Die Europawahlen zeigten in Sachsens Flรคche ein klares Bild, wenn auch noch ohne Poggenburgs AfD-Abspaltung. 25,3 Prozent bei รผber 500.000 Stimmen und damit den Platz 1 vor der CDU (23,0 %) holte die AfD bei knapp รผber 2,1 Millionen abgegebenen Stimmen gesamt.
Und anders als bei der EU-Wahl, wird die 5 Prozent-Hรผrde bei den Landtagswahlen wohl noch mehr Wรคhler abhalten Kleinparteien zu wรคhlen, da ein Einzug ins Parlament eher nicht zu erwarten ist. Die voraussichtlich von historisch niedrigen 49,1 Prozent im Jahr 2014 im Jahr 2019 steigende Wahlbeteiligung bei der Sachsenwahl macht es zudem nicht leichter fรผr die โKleinenโ, den Einzug ins Parlament zu schaffen. Die mit 63,7 Prozent extrem hohe Beteiligung an der Europawahl 2019 in Sachsen weist in diese Richtung.
Alles in allem schlechte Voraussetzungen selbst fรผr die Listenersten des ADPM Andrรฉ Ehmer und Benjamin Przybylla, sich nach dem 1. September 2019 im Landtag wiederzufinden. Andrรฉ Poggenburg, Gesicht der Abspaltung und oberster Kornblumentrรคger, ist Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt und steht erst gar nicht auf der Liste. Dass der ADPM versucht, sich was vom AfD-Kuchen zu holen, zeigt die Aufstellung von Silvio Hรคberer (AfD) auf der eigenen Wahlliste auf dem letzten, 14. Platz. Zugleich betont man, kein Gegner, sondern Ergรคnzung der AfD zu sein.
Dabei ist die Listenkรผrze Indiz fรผr die schmale Basis, auf die sich Poggenburg hier trotz des ehemals gewichtigen AfD-Kreisvorsitzenden Ehmer stรผtzt. Selbst seine ehemalige Partei AfD hatte groรe Probleme, bei den zurรผckliegenden Kommunalwahlen genug Kandidaten aufzutreiben. Zur Landtagswahlliste lief es schon besser โ hier warten immerhin laut derzeitigen Umfragen zwischen 35 und 50 gut bezahlte Landtagsmandate.

Was also bleibt dem ADPM?
Provokation natรผrlich, die denen rechtsextremer Parteien wie โDer III. Wegโ oder โDie Rechteโ รคhneln. Wobei zweitere Partei am 18. Mรคrz 2017 mit ihrem Provokationsversuch trotz Sรผdroute scheiterte. Welche รผbrigens auch eine war, die vom OVG Bautzen bestรคtigt, von der Stadt Leipzig am Vorabend des 18. Mรคrz 2017 โaus dem Zentrum Connewitzsโ etwas randlรคufiger verlegt wurde. Der Grund fรผr die Rechtmรครigkeit der Verlegung war damals die โรถffentliche Sicherheit und Ordnungโ.
Weiter hieร es in der Begrรผndung des Oberverwaltungsgerichtes damals: โDabei teilt der Senat die Einschรคtzung des Sรคchsischen Landesamtes fรผr Verfassungsschutz, dass es den Antragstellern im Wesentlichen um eine Machtdemonstration und Provokation der linksautonomen Szene in Leipzig-Connewitz geht. Trotz massiver Polizeiprรคsenz hat es der Senat nicht ausschlieรen kรถnnen, dass es in diesem Falle zu Personen- und Sachschรคden kommen kรถnnte. Mit der Beschwerde sind nach der Entscheidung des Senats auch keine Grรผnde vorgetragen worden, die zur Durchsetzung der gewรคhlten Aufzugsroute unbedingt erforderlich sind.โ
Der Gegenprotest war vielzรคhlig, aber weitgehend friedlich, die gewollten Bilder brennender Container und Barrikaden โ wie noch am 12. Dezember 2015 auf der Karl Liebknecht Straรe โ blieben aus. Der รถffentliche Ruf โKeine Gewaltโ wurde verstanden, die rund 200 rechtsextremen Teilnehmer um Christian Worch verkrรผmelten sich erneut ohne Erfolg aus Leipzig.
Auf diesen Spuren wandelt also nun der ADPM, wenn er zum dritten Mal versucht, mรถglichst tief im Leipziger Sรผden, am liebsten im Connewitzer Kernbereich Kreuzung Brandstraรe, Selneckerstraรe, vorbei am โLinxxnetโ zu demonstrieren. Die Beauflagung der Stadtverwaltung Leipzig will ihn erneut auf den Simsonplatz stellen, dahin, wo ihn und maximal 40 Teilnehmer am 1. Mai 2019 etwa 400 bis 500 Gegendemonstranten erwarteten.
Mehr ADPM-Teilnehmer dรผrften es auch bei diesem Anlauf kaum werden, die Facebookseite โ Hauptplattform fรผr AfD und Co. โ der Partei ist gering frequentiert. Und die Perspektive, sich womรถglich auch noch in Connewitz von mehreren hundert Gegendemonstranten umringt zu sehen, dรผrfte kaum jemand aus der รคlteren Gefolgschaft wirklich anziehend finden.
Dennoch mรถchte Amdrรฉ Poggenburg nun seine am 17. Mai angemeldete Route im Sรผden einklagen und schreibt auf Facebook: โWir werden diesmal den Rechtsweg nutzen und uns nicht ohne weiteres unser Grundrecht verwehren lassen. Ihr Andrรฉ Poggenburgโ.
Die Redebeitrรคge der Demonstration des ADPM am 1. Mai 2019 in Leipzig / Simsonplatz. Zum Artikel vom Tag.
Meint er es ernst, kรถnnte es bis zum Oberverwaltungsgericht Bautzen gehen. In allen Instanzen wird nun also die Gefahrenprognose der Stadt Leipzig bei einem Auftritt in Connewitz gegen die Argumente des ADPM fรผr die Durchsetzung des Versammlungsortes gelegt werden. Die Richtschnur ist dabei nicht nur der 1. Absatz des Grundgesetzes, welcher lautet: โ Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.โ Es gilt eben auch Absatz 2: โFรผr Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschrรคnkt werden.โ
Bislang argumentiert die Stadt fรผr den Simsonplatz damit, dass die bisherigen Erfahrungen nachvollziehbar aufzeigen wรผrden, โdass mit Blockadeversuchen und anderen โ auch gewalttรคtigen โ Stรถraktionen zu rechnen ist.โ Eine Argumentation die 2017 verfing, weil sie die Frage der Verhรคltnismรครigkeiten erรถffnet.
Hier eine Gruppe von dann vielleicht noch 30 Personen, die unbedingt mal gemeinsam das โLinxxnetโ anschauen wollen. Und da mehrere hundert Gegendemonstranten, von denen sich wohl beim Versuch eines Demonstrationszuges des ADPM einige, wenn nicht viele friedlich auf die Straรe setzen wรผrden. Eine deutlich hรถhere Zahl von Polizeibeamten wรคre zudem nรถtig, wie zum Leidwesen vieler Connewitzer die Nacht auf den 2. Juni am Herderplatz zeigte.
Noch ist also nicht sicher, wo am Mittwoch der nรคchste Wahlkampfversuch des ADPM steigt. Die Initiative โLeipzig nimmt Platzโ jedenfalls mobilisiert bereits den Gegenprotest.
Poggenburgs ADPM auf dem Simsonplatz: Klingt wie ein Nazi, singt wie ein Nazi, will aber keiner sein
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