Die heutige Wachstumsgesellschaft lebt von der Erzeugung von Sรผchten. Und wenn man gerade versucht, die einen Suchtmacher โ Nikotin und Alkohol zum Beispiel โ einzudรคmmen, erfinden Firmen, die da goldene Zeiten sehen, neue Angebote, mit denen das menschliche Suchtpotenzial neu angefacht werden kann. Dazu gehรถren fast sรคmtliche elektronischen Spiele der Gegenwart. Nur: Wer untersucht die Folgen dieser neuen Suchtangebote?
Die DAK-Gesundheit hat nun eine Prรคventionsoffensive โMediensucht 2020โ gestartet. Die Krankenkasse untersucht mit Suchtexperten am Universitรคtsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) in einer Lรคngsschnittstudie erstmalig die krankhafte Nutzung von Computerspielen und Social-Media nach den neuen ICD-11 Kriterien der WHO. Auch die Folgen der Covid-19-Pandemie werden erforscht.
Und erste Zwischenergebnisse gibt es schon und sie sind alarmierend: Bei fast 700.000 Kindern und Jugendlichen ist das Gaming riskant oder pathologisch.
Im Vergleich zum Herbst 2019 nehmen die Spielzeiten unter dem Corona-Shutdown werktags um 75 Prozent zu.
Als Reaktion auf die Ergebnisse verbessert die DAK-Gesundheit die Frรผherkennung. Ab 1. Oktober bietet die Kasse gemeinsam mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendรคrzte in fรผnf Lรคndern das bundesweit erste Mediensuchtscreening fรผr 12- bis 17-Jรคhrige an. Gemeinsam mit der Bundesdrogenbeauftragten soll so die Medienkompetenz der Jugendlichen gestรคrkt werden.
โDigitale Medien sind fรผr uns selbstverstรคndlich und hilfreich im Alltag. Doch Smartphones, Tablets und Co. stellen uns auch vor Herausforderungen, in Bezug auf Inhalt und Ausmaร der Mediennutzungโ, erklรคrt die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig โEin gesunder Umgang mit digitalen Medien ist wichtig und erlernbar. Wir mรผssen Familien Unterstรผtzung im Hinblick auf klare Regeln fรผr die altersgerechte Nutzung anbieten.โ
Die aktuelle DAK-Studie fรผhrt das Deutsche Zentrum fรผr Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am UKE Hamburg durch. Erstmalig untersucht eine reprรคsentative Lรคngsschnittstudie mit rund 1.200 Familien die Hรคufigkeiten pathologischer und riskanter Internetnutzung fรผr Spiele und soziale Medien bei Kindern und Jugendlichen nach den neuen ICD-11-Kriterien der WHO.
Im September 2019 zeigen zehn Prozent der 10- bis 17-Jรคhrigen ein riskantes Spielverhalten. Pathologisches Gaming wird bei 2,7 Prozent festgestellt: Die Zahl der betroffenen Jungen liegt mit 3,7 Prozent mehr als doppelt so hoch als bei Mรคdchen (1,6 Prozent).

โDie ersten Ergebnisse sind alarmierendโ, sagt Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit. โHochgerechnet auf die Bevรถlkerung ist bei fast 700.000 Kindern und Jugendlichen das Gaming riskant oder pathologisch. Die Coronakrise kann die Situation zusรคtzlich verschรคrfen. Es gibt erste Warnsignale, dass sich die Computerspielsucht durch die Pandemie ausweiten kรถnnte.โ
Laut der DAK-Studie nehmen unter dem Corona-Shutdown die Nutzungszeiten deutlich zu. Im Vergleich zum September 2019 steigt im Mai 2020 die Spieldauer in der Woche um 75 Prozent an. Werktags klettern die durchschnittlichen Gamingzeiten von 79 auf 139 Minuten an. Am Wochenende gibt es einen Anstieg um fast 30 Prozent auf 193 Minuten am Tag.
โDie Nutzungszeiten der Kinder und Jugendlichen haben die grรถรte Vorhersagekraft fรผr ein problematisches und pathologisches Verhaltenโ, sagt Professor Rainer Thomasius, รrztlicher Leiter am Deutschen Zentrum fรผr Suchtfragen. Ob die Mediensucht durch Schulschlieรungen und eingeschrรคnkte Freizeitaktivitรคten tatsรคchlich wรคchst, soll die Lรคngsschnittstudie in einer abschlieรenden Befragung der teilnehmenden Familien im Frรผhjahr 2021 zeigen.
รhnlich problematisch wie Onlinespiele sind Social-Media-Aktivitรคten. Im September zeigen 8,2 Prozent der befragten Kinder und Jugendliche eine riskante Nutzung. Das entspricht hochgerechnet fast 440.000 der 10- bis 17-Jรคhrigen. Eine pathologische Nutzung wird bei rund 170.000 Jungen und Mรคdchen (3,2 Prozent) festgestellt. Unter dem Corona-Shutdown steigen die Social-Media-Zeiten werktags um 66 Prozent an โ von 116 auf 193 Minuten pro Tag.
Gaming und soziale Medien werden vor allem genutzt, um Langeweile zu bekรคmpfen oder soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Rund ein Drittel der Jungen und Mรคdchen will online aber auch der โRealitรคt entfliehenโ oder Stress abbauen. Laut Studie geben 50 Prozent der Eltern an, dass es in ihrer Familie vor und unter Corona keine zeitlichen Regeln fรผr die Mediennutzung gibt.
โUnsere Studie zeigt, dass wir dringend ein verlรคssliches und umfassendes Frรผhwarnsystem gegen Mediensucht brauchenโ, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm. โEs darf nicht lรคnger Zufall sein, Risiko-Gamer zu erkennen und ihnen Hilfsangebote zu machen. Als Vorreiter bei der Vorsorge bietet die DAK-Gesundheit deshalb als bundesweit erste Krankenkasse ein neues Mediensuchtscreening an.โ
In einem Pilotprojekt mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendรคrzte (BVKJ) gibt es bei 12- bis 17-Jรคhrigen eine neue zusรคtzliche Vorsorgeuntersuchung. In den fรผnf Bundeslรคndern Bremen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thรผringen kรถnnen ab 1. Oktober 2020 rund 70.000 Jungen und Mรคdchen die Frรผherkennung ergรคnzend zur J1 und J2 nutzen. Grundlage fรผr das Mediensuchtscreening ist die sogenannte GADIS-A-Skala (Gaming Disorder Scale for Adolescents), die von Suchtforschern des UKE Hamburg entwickelt wurde und jetzt erstmals in der Praxis eingesetzt wird.
โDieser Schritt ist fรผr Eltern und รrzte gleichermaรen sehr wichtig, denn Computerspielsucht ist ein wichtiges Gesundheitsthema bei Kindern und Jugendlichenโ, sagt Dr. Sigrid Peter, Vizeprรคsidentin des BVKJ. โDie Einbettung des Screenings in die regulรคren Vorsorgeuntersuchungen hilft dabei, eine drohende Sucht frรผhzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.โ
Als zusรคtzliches Hilfsangebot hat die DAK-Gesundheit gemeinsam mit der Computersuchthilfe Hamburg eine neue Online-Anlaufstelle Mediensucht entwickelt. Ab August 2020 erhalten Betroffene und deren Angehรถrige unter www.computersuchthilfe.info Informationen und Hilfestellungen rund um die Themen Online-, Gaming- und Social-Media-Sucht. Das kostenlose DAK-Angebot ist offen fรผr Versicherte aller Krankenkassen. โDie neue Anlaufstelle hilft Kindern im Umgang mit Online-Medien und gibt deren Eltern gleichzeitig Orientierungโ, sagt Vorstandschef Storm.
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