Der syrische Machthaber Baschar al-Assad wurde im Dezember gestürzt. Viele Syrer*innen feiern die Befreiung aus der jahrzehntelangen Unterdrückung. Unterdessen geht der Wahlkampf in Deutschland weiter. Direkt nach dem Sturz des Assad-Regimes forderte die AfD, dass alle syrischen Geflüchteten Deutschland wieder verlassen müssen. Auch viele CDU-Politiker*innen forderten Abschiebungen.
So kommentierte Alexander Throm, innenpolitischer Sprecher der Fraktion: „Allen muss klar sein: Flucht ist ein Aufenthalt auf Zeit.“
„In Syrien wird eine Diktatur gestürzt. Und in Deutschland macht sich bei einigen Freude breit: Nicht über den Sturz des Barbaren, sondern darüber, jetzt Syrer abschieben“, kommentiert Georg Restle, Redaktionsleiter bei WDR Monitor. „Man weiß nicht, wofür man sich mehr schämen soll: für die politische Ignoranz oder die Empathielosigkeit.“
Zwei Drittel der syrischen Beschäftigten in systemrelevanten und Mangelberufen
Gleichzeitig teilte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit, dass allen klar sein müsse, dass syrische Geflüchtete vor allem in systemrelevanten und Mangelberufen fehlen würden. Mangelberufe sind Berufe mit personellen Engpässen in Deutschland. Systemrelevante Berufe liegen unter anderem im Gesundheitswesen, im Transport- und Logistikbereich und in einigen Produktionsbereichen.
Rund 62 % der syrischen Beschäftigten arbeiten in diesen Berufen. Unter deutschen Beschäftigten sind es nur 46 %. „Die starke Konzentration syrischer Geflüchteter in mangel- und systemrelevanten Berufen wie im Gesundheitswesen, im Transport- und Logistikbereich und ausgewählten Produktionsbereichen hat arbeitsmarktpolitische Bedeutung“, so das IAB.
Expert*innen warnen vor Auswirkungen im Gesundheitswesen
Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnte vor den Auswirkungen. Laut Bundesärztekammer haben 15 % der über 400.000 deutschen Ärzt*innen keinen deutschen Pass. 6.120 von ihnen kommen aus Syrien. So viele wie aus keinem anderen Land. Auch die Sächsische Krankenhausgesellschaft warnt vor Versorgungsengpässen, sollten viele syrische Ärzt*innen in ihre Heimat zurückkehren. Diese sind nämlich insbesondere in kleineren Krankenhäusern auf dem Land tätig. In Sachsen stammen mehr als 400 Mediziner*innen aus Syrien.
Uwe Köhler, Vizepräsident der Sächsischen Ärztekammer, betonte gegenüber MDR Sachsen jedoch: „Man muss abwarten, wie sich das weiterentwickelt. Ich gehe nicht davon aus, dass sie jetzt alle auf einmal zurückkehren.“ Aber wenn sie sich dafür entschieden, müsse man Respekt zollen, denn in Syrien sei medizinische Hilfe dringend erforderlich. „Unsere Probleme hier vor Ort, die müssen wir schon selbst lösen“, ergänzt Köhler.
Es ist immer noch offen, wie sich die Lage in Syrien entwickelt. Der Umgang mit den syrischen Geflüchteten ist angesichts der Wahl zum Wahlkampfthema geworden. Wegen der noch unübersichtlichen Lage scheinen die meisten Reaktionen verfrüht und wie bloßer Abschiebepopulismus. Sie haben nicht die Sicherheit der Geflüchteten im Blick. Und auch nicht die Auswirkungen für Deutschland selbst.
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