Verzweifelt sucht die SPD nach einem neuen Kern, einer Kontur, mit der sie beim Wรคhler wieder erkennbar wird. Sie habe keine โpopulรคre Geschichte mehr zu erzรคhlenโ, meinte am Wochenende der Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner in einem โSpiegelโ-Beitrag. Dabei sucht keine Partei so emsig danach wie die SPD. Die ihr nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ist stรคndig auf der Suche.
In Serie wirft sie immer neue Studien aus, in denen Wissenschaftler unterschiedlichster Sparten versuchen, fรผr die alte Tante SPD so eine Art Arbeitsplan zu entwickeln. Dazu hat sie fรผr die Jahre 2015 bis 2017 extra ein Projekt aufgelegt: โgute gesellschaft โ soziale demokratie # 2017 plusโ.
Das Problem, das sie dabei hat: Sie unterhรคlt selbst keine Forschungsabteilung. Sie ist auf das Knowhow deutscher Lehrstรผhle angewiesen. Aber das ist durchwachsen. Gerade wenn es um Themen wie kluge Staatsgestaltung geht, visionรคre Politiklinien, nachhaltige Gerechtigkeit. Es sieht mager aus. Und die SPD ist nicht ganz unschuldig daran. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten selbst eifrig mit herumgedoktert am deutschen Hochschulsystem, hat seine zunehmende Verschulung mitgetragen und die Verwandlung in einen Lego-Lern-Baukasten nach dem Bologna-Prinzip.
Das Ergebnis sind Studienfรคcher, die nichts mehr mit dem universalen Anspruch eines Wilhelm von Humboldt zu tun haben. Und was die Sache noch schlimmer macht: Der staatliche Durchgriff auf die Hochschulen ist mittlerweile so stark, dass es kaum noch Lehrstuhlinhaber gibt, die sich trauen anzuecken, รผber das Opportune hinauszudenken und die Dinge unabhรคngig und mit universalem Blick zu betrachten.
Dafรผr ist Sasa Bosancicโ Beitrag, den die FES unter dem Titel โUngleichheit bekรคmpfen! Wo der deutsche Wohlfahrtsstaat jetzt investieren mussโ verรถffentlichte, ein sinnfรคlliges Beispiel. Dass Deutschland ein extremes Problem mit der Ungleichheit hat, macht der SPD sichtlich Bauchschmerzen. Auch weil sie daran nicht ganz unschuldig ist, denn sowohl die โAgenda 2010โ geht auf ihr Konto als auch ein Groรteil der Steuerpolitik, die vor allem groรe Vermรถgen entlastet hat und dafรผr die Arbeitseinkommen in Deutschland hoch belastet.
Wer freilich diese Punkte sucht in der kleinen Studie, findet sie nicht. Und das ist das Problem der SPD. Sie versucht die Lรถsungen mรถglichst dort zu suchen, wo es nicht ans Eingemachte geht. Wo die Umverteilung nicht repariert werden muss und man vielleicht an dem alten Spruch โHilfe zur Selbsthilfeโ festhalten kann. Als wรคren die Menschen, die vom rasenden Zug gefallen sind, einfach nur ein bisschen unbeholfen.
Deswegen wirkt auch die Analyse, die Sasa Bosancic vornimmt, auf den ersten Blick eher wieder wie der รผbliche Ausredenkatalog, der es deutschen Politikern (und nicht nur denen) so einfach macht, die Schuld fรผr die Misere anderswo zu vermuten, in anderen Dimensionen, denn an Digitalisierung, Globalisierung, Deregulierung und demografischer Entwicklung kรถnnen sie ja nichts รคndern, oder?
Denkste.
Mitten in der Analyse wird Sasa Bosancic deutlich und nimmt den Genossen ihre Selbstbeweihrรคucherung in Sachen โAgenda 2010โ weg. Sie war mitnichten der Grund dafรผr, dass Deutschland besser als andere Staaten durch die Finanzkrise ab 2008 kam. โDoch letztlich kann die Erholung des deutschen Arbeitsmarktes und Steigerung der Wettbewerbsfรคhigkeit nur zum Teil auf die Reformen zurรผckgefรผhrt werden, da es eben auch eher โklassischeโ Instrumente der Wirtschaftspolitik waren, die die Verbesserungen herbeifรผhrten. So zeigt sich gerade in Krisensituationen, dass staatliches Eingreifen in das Wirtschaftsgeschehen unabdingbar ist โ was dem Geist der neoliberalen Rufe nach einem โschlanken Staatโ widerspricht. Die Wirkung der Reformen wird noch in einer weiteren Hinsicht รผberschรคtzt, da bspw. die Entstehung eines Niedriglohnsektors ebenso wie die Zunahme der Lohnungleichheiten Entwicklungen sind, die schon vor den Reformen einsetzten.โ
Er spricht bei dieser Forcierung des Billiglohnsektors sogar von einer โQualifikationsentwertungโ. Und gleichzeitig ist der Arbeitsmarkt unflexibler geworden. Denn wer erst mal da unten in der Billigmรผhle gelandet ist, der hat kaum noch Chancen, wieder in bessere Qualifikationen zu kommen. Man merkt in der Analyse, dass das alles eigentlich zu einem ganz anderen Maรnahmepaket fรผhren mรผsste, als es Sasa Bosancic dann vorschlรคgt. Irgendwie mรถchte er den Genossen nicht allzu sehr auf den Fuร treten. Aber eigentlich ist es an der Zeit. Sonst merken sie es nicht. Denn wenn sich an einigen โ neoliberalen โ Weichenstellungen nichts รคndert, bringen auch seine Vorschlรคge nicht viel.
Aber es sind zumindest Felder, auf denen gehandelt werden mรผsste. Das stimmt.
Die kurze รbersicht:
- โDie Bekรคmpfung der Kinder- und Bildungsarmut benรถtigt neben allgemein hรถheren Investitionen in das Bildungssystem, insbesondere in die frรผhkindliche Fรถrderung, eine Vermeidung von starren Selektionsmechanismen sowie die Herstellung von Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit.โ
- โBildungscoaches kรถnnen ebenfalls im Zentrum der notwendigen Erneuerung im รbergangssystem fรผr benachteiligte Jugendliche stehen.โ
- โBei der Vermittlung und Qualifizierung Erwerbsloser gilt es, den Betreuungsschlรผssel zu verbessern, um eine bedarfsgerechte, intensive und individuelle Fallbetreuung zu ermรถglichen.โ
- โArbeitsmarktpolitisch lieรen sich durch Investitionen in รถffentliche Beschรคftigungsfรถrderung Ungleichheiten auf zweifache Weise verringern: a) durch die Schaffung von Arbeitsplรคtzen im regulรคren und sozialen Arbeitsmarkt, b) durch Arbeitsfรถrderung in den ungleichheitssensiblen Bereichen โฆโ
- โIm Bereich der Stadtentwicklung ist ein Ausbau des Programms der Sozialen Stadt eine effektive Maรnahme zur Verhinderung negativer Segregations- und Exklusionstendenzen.โ
- โDie Digitalisierung der Arbeitswelt erfordert sozialinvestive Maรnahmen im Bereich der Schulen, damit gezielte Selbstlern-/Selbstorganisationsfรคhigkeiten vermittelt werden, um fรผr die sich schnell wandelnden Anforderung der digitalen Wissensgesellschaft gerรผstet zu sein.โ
Das sind alles, wie man sieht, Reparaturprogramme. Es sind keine Visionen. Man kรถnnte auch Prothesen sagen. Denn nichts anderes ist diese Dauerbeschwรถrung der Digitalisierung. Das ist genauso, als hรคtte man im 19. Jahrhundert stรคndig รผber Dampfkraft geredet oder die Fรคhigkeit der Leute, mit Elektrizitรคt umzugehen.
Es sind Placebos fรผr eine Politik, die ihr Tun lรคngst schon durch die Nรผtzlichkeits-Brille des Neoliberalismus betrachtet. Sie betrachtet den Menschen nicht von seinen Mรถglichkeiten und seinem eigenen Wunsch her, im Leben mรถglichst viel zu erreichen, sich wirklich mit allen Chancen zu verwirklichen, sondern als nรผtzlichen Nachschub fรผr die Verwertungsgesellschaft.
Das ist nicht die โlinke Heldengeschichteโ, von der Thomas Beschorner trรคumt. Das ist der Notfallkoffer fรผr eine neoliberal entfesselte Gesellschaft, die gerade ihre eigenen Grundlagen zerstรถrt. รbrigens auch in den Stรคdten, die Bosancic als Konfliktraum ausgemacht hat: โIm vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (BMAS 2013) wird aufgezeigt, dass das stรคdtische Quartier und die soziale Herkunft รผber Bildungsgrad, Aufstiegschancen und das Gelingen von Armutsprรคvention mitentscheiden. Das Quartier kann demzufolge einerseits Wohlstand und gute bildungs-, kultur- und mobilitรคtsbezogene Perspektiven erรถffnen, diese aber auf der anderen Seite auch verringernโ, schreibt er. Deswegen meint er, dass wieder viel Geld in Projekte der sozialen Stadt gesteckt werden sollte.
Jรผngst haben wir hier das Buch โDie transformative Stadtโ von Andreas Thieรen besprochen, der sehr klug aufzeigt, dass all die Sommermรคrchen von sozialen Problemvierteln wohl falsch sind, die falsche Problemsicht von Verwaltungen auf den zu verwaltenden Menschen. Eine Sicht, die รผbrigens auch in Bosancicโ Text durchschimmert: der innige Glaube daran, man kรถnne als staatliche Institution die sozialen Probleme der Menschen quasi von oben lรถsen.
Das kann nicht funktionieren.
Augenscheinlich gilt hier dasselbe, was auch die Behindertenverbรคnde immer wieder auf den kernigen Satz bringen: โWir sind nicht behindert, wir werden behindert.โ
Das gilt nรคmlich auch fรผr all die Menschen mit niedrigen Einkommen, niedrigen Qualifikationen, niedrigem sozialen Status. Erst sorgen auch von der SPD mitgetragene Programme dafรผr, dass sich die Teilhabechancen groรer Bevรถlkerungsteile rapide verschlechtern โ und dann glaubt man sie mit โHilfe zur Selbsthilfeโ quasi wieder zu richtigen Menschen pรคppeln zu mรผssen.
Aber den Blickwinkel รคndert man erst, wenn man akzeptiert, dass alle, wirklich alle neoliberalen Wertvorstellungen darauf zielen, Menschen zu selektieren, auszugrenzen und zu behindern. Wer dieses Wertmodell nicht infrage stellt, der wird keine der konstatierten Ungerechtigkeiten und Behinderungen auflรถsen kรถnnen.
Da helfen auch keine hรถheren Investitionen: Wenn ein (Bildungs-)System selektiv ist, wird die grรถรte Milliarde nicht helfen, diesen Selektionswahn aus dem System zu bringen. Dasselbe gilt fรผr den Arbeitsmarkt, der noch viel elitรคrer und selektiver ist und selbst da, wo hohe Qualifikationen scheinbar zรคhlen, den eigentlich kompetenten Menschen entwertet und gleichformt. Was dann eben auch zu sozialen Lehrstรผhlen fรผhrt, die das gelebte politische Modell nicht wagen infrage zu stellen. Demnรคchst kรถnnte ja wieder ein CDU- oder FDP-Bildungsminister ins Amt kommen โ dann ist vielleicht der Lehrstuhl futsch.
Auch so ein schรถner Nebeneffekt der staatlichen Bevormundungspolitik: Die Forschung wagt sich nichts mehr. Schon gar nicht anzuecken oder das Politische zu kritisieren. Das war einmal so โ in der viel befehdeten Zeit der Achtundsechziger. Heute sind gerade die gesellschaftswissenschaftlichen Lehrstรผhle handzahm, weil sie unter den geltenden Nรผtzlichkeitserwรคgungen lรคngst die ersten sind, denen nahegelegt wird, ein paar Dozentenstellen zu opfern.
Und deswegen bekommt auch die SPD keine fundierte Kritik mehr zu ihren politischen Konzepten โ ob sie Sinn machen, funktionieren, gar irgendein fassbares Ziel beschreiben und nicht bloร Gewerkel am heutigen Missstand sind, der auch deshalb so fatal ist, weil es da augenscheinlich keinen Politiker mehr gibt, der auch nur so eine Art Vision davon hat, was dieses Land oder der ganze schรถne Kontinent Europa in 10, 20 Jahren sein kรถnnten.
Eigentlich โ um ein Thema herauszugreifen โ gehรถren digitale Spielzeuge nicht in die Schule. Da sollte es nicht um Funktionsweisen gehen, sondern um Bildung.
Aber gerade daran mangelt es nach Jahrzehnten der Effizienzsteigerung. Effizienz aber ist bestenfalls fachidiotisch, aber in der Regel phantasielos und dumm. Und weil das so ist und weil auch die Sozialdemokraten vom Effizienzdenken regelrecht berauscht sind, haben sie derzeit weder eine Vision noch einen Helden noch irgendeine tolle Geschichte, die sie erzรคhlen kรถnnen. Dazu braucht man nรคmlich Phantasie โฆ
Der Vorschlag fรผr eine echte politische Vision wรคre besser: โUngleichheit bekรคmpfen โ aber richtig!โ Denn Menschen sind keine Werkstรผcke, Genossen!
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