Sie kommen oft zum Zuge, wenn Nachlasspfleger nicht mehr weiterwissen oder überlastet sind: Erbenermittler brauchen vor allem reichlich Fleiß und Forscherdrang, wenn sie nach unbekannter Verwandtschaft Verstorbener recherchieren. Ralf H. war einer von ihnen – und soll seine Position ausgenutzt haben, um über eine Million Euro anvertrautes Geld in die eigene Tasche zu wirtschaften. Seit Freitag wird dem 66-Jährigen der Prozess wegen Untreue gemacht.

Es geht um 29 geprellte Erben und eine Gesamtsumme von mehr als einer Million Euro, die er in seiner Rolle als Erbenermittler trickreich für sich behalten haben soll: Wegen des Vorwurfs der gewerbsmäßigen Untreue steht Ralf H. seit Freitag am Landgericht Leipzig. Zum Prozessauftakt gab der 66-Jährige durch seine Verteidigung ein Geständnis ab: „Ich räume die Tatvorwürfe vollumfänglich ein“, hieß es in einer von Rechtsanwältin Rose Schmitz verlesenen Erklärung ihres Mandanten. „Ich entschuldige mich ausdrücklich bei den Geschädigten.“ Er wolle die Schäden im Rahmen seiner Möglichkeiten wiedergutmachen.

Von dieser Masche gehen die Ermittler aus

In der Anklageschrift warf Staatsanwältin Anja Jährig dem Verdächtigen zuvor konkret vier Tatkomplexe mit 29 Einzelfällen zwischen 2018 und 2021 vor. Generell war Ralf H. offenbar durchaus erfolgreich, wenn es darum ging, Erben Verstorbener mit Fleißarbeit aufzuspüren: Sein Unternehmen durchforstete Archive und Kirchenbücher, erstellte Stammbäume, fand so potenziell Erbberechtigte heraus.

Diese soll Ralf H. dann angeschrieben und oftmals um die Ausstellung einer Vollmacht zur Abwicklung der Nachlass-Angelegenheit gebeten haben. Mit der Masche sei der gelernte Offset-Drucker an hohe Bargeldbeträge gekommen, die er aber einfach für sich behalten habe, statt sie an Berechtigte auszuzahlen. Über eine Million Euro sollen so zusammengekommen sein.

TV-Format machte Fall erstmals öffentlich

Laut Mitteilung der Leipziger Staatsanwaltschaft von 2024 sei Ralf H. zur Verschleierung seiner Aktivität unter dem Deckmantel verschiedener Gesellschaften als Geschäftsführer aufgetreten, habe „diverse Umfirmierungen, Sitzverlegungen und Neugründungen von Gesellschaften im In- und Ausland veranlasst.“ Diese reichten bis in die USA.

Festgenommen wurde er im September 2024 in Österreich, die Alpenrepublik lieferte ihn an die deutsche Justiz aus, er kam in Untersuchungshaft. Im Zuge seiner Ergreifung fanden Razzien in Österreich, Slowenien und Deutschland statt. Allein hierzulande habe es laut Anklagebehörde mehrere Firmensitze Ralf H.s gegeben, auch in Leipzig unterhielt der umtriebige Erbenermittler zeitweise Büros.

Sein Gebaren flog offenbar auf, nachdem zwei Betroffene erst Anzeige erstattet und sich dann im Herbst 2022 an das TV-Format „Achtung Abzocke!“ gewandt hatten. Schon im Frühjahr 2023 hefteten sich Reporter an die Fersen des mutmaßlichen Betrügers, eine Weile bevor die Polizei ihm endgültig das Handwerk legte.

Angeklagter spricht von Überforderung

Zum Prozessbeginn am Freitag gab Ralf H. an, dass er seit 2006 seine Dienstleistung als Erbenermittler anbot, zuvor war seine Mutter gestorben. So kam die Idee: „Ich vermutete da ein lukratives Geschäftsfeld.“ In den Jahren zuvor sei er, der in den frühen 90ern nach Leipzig kam, unter anderem im gelernten Beruf als Offset-Drucker, in der Baubranche und auf einem Reiterhof aktiv gewesen, sagte der Angeklagte aus, der geschieden ist und ein erwachsenes Kind hat.

Als Erklärung, wie es zu seinen Taten kam, nannte Ralf H. Überforderung, persönliche Nachlässigkeit und dass er auch seine Mitarbeiter zu sehr an der „langen Leine“ gelassen habe: „Heute habe ich erkannt, dass ich viel früher die Reißleine hätte ziehen müssen.“

Ralf H. muss bei einem Schuldspruch mit mehreren Jahren hinter Schloss und Riegel rechnen. Eine konkrete Absprache, welches Strafmaß ihn für ein glaubhaftes Geständnis erwarten könnte, wurde aber bislang nicht getroffen. Die Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Carsten Ruge hat aktuell acht weitere Prozesstage bis 24. Juni geplant.

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