Wurde es so schlimm, wie manche im Vorfeld vermutet (oder vielleicht gar gehofft) hatten? Nein. War es friedlich? Auch nein. Letztlich war es dieses Mal die aus mehreren Bundeslรคndern zusammengezogene Polizei, welche am 25. Januar souverรคn reagierte und bei der brenzligsten Situation von allen an der Richard-Lehmann, Ecke Karl-Liebknecht-StraรŸe durch eine Defensivtaktik bei gleichzeitiger Stรคrkedemonstration eine weitere Eskalation verhinderte. Was bleibt, ist wohl die Frage, warum es unter den am Ende rund 1.300 Demonstranten nicht allen reichte, ein beeindruckendes Bild groรŸer Masse und Solidaritรคt fรผr ihr โ€žlinksunten.indymediaโ€œ zu hinterlassen.

Impressionen von der โ€œWir sind Indymediaโ€-Demo am 25. Januar in Leipzig

Video: L-IZ.de

=====================================================

Was sich zu Beginn der Auftaktkundgebung von โ€žWir sind alle Indymediaโ€œ am Simsonplatz um 17 Uhr mit rund 500 Teilnehmern als eher klein darstellt, wรคchst unmittelbar nach dem Start der loslaufenden Demonstration zunehmend an. Einerseits, weil bald noch einige der 200 Gegendemonstranten von der frรผhzeitig an der BrandstraรŸe beendeten Kundgebungsdarstellung Andrรฉ Poggenburgs (mit 10 Teilnehmern) hinzustoรŸen.

Andererseits, weil es mit jeder QuerstraรŸe mehr und mehr Teilnehmer werden, sodass sich bereits kurz vor dem Sรผdplatz deutlich รผber 1.000 Menschen auf der Karl-Liebknecht-StraรŸe Richtung Sรผden bewegen.

Die Erwartungshaltung an die Demonstration und ihrer vermuteten Unfriedlichkeit kann man bereits an der sehr hohen Zahl der anwesenden Foto- und Filmreporter ablesen, darunter nach eigenem Bekunden auf Twitter auch jemand, der angeblich โ€žundercoverโ€œ fรผr das rechtsradikale Compact-Magazin filmte. Ob diese Anwesenheit von den Demonstranten entdeckt worden war oder sich unter diesen viele befanden, welche zunehmend gereizt auf die Schwemme von nah heranrรผckenden Filmteams und deren helles Scheinwerferlicht reagierten, ist noch unklar.

Wahrscheinlich ist, dass hier eine hohe Mediendichte auf teils international zugereiste Vermummte trifft, welche durchaus Lust auf Krawall zu haben scheinen und etwas gegen zuviel Licht haben. Auch durchaus regional szenebekannte Journalisten beklagen sich bereits wรคhrend und nach der Demonstration รผber die teils feindliche Stimmung gegenรผber jenen, die das Demonstrationsgeschehen filmen wollen.

Aufschaukeln

Wรคhrend es auf der Kundgebung auf dem Simsonplatz vor allem um das Verbot von โ€žlinksunten.indymediaโ€œ ging, beginnen schon auf der HarkortstraรŸe รผber RiemannstraรŸe zur Karl-Liebknecht-StraรŸe hin die Rufe โ€žPolicia assasiniโ€œ und โ€žHass, Hass, Hass wie noch nie, All cops are bastards, ACABโ€œ. Ab dem Sรผdplatz dann der โ€žFolkloreโ€œ-Teil; die ersten einzelnen Bengalofeuer werden entzรผndet und kurz vor der Kreuzung Kurt-Eisner-StraรŸe fliegen die ersten Bรถller aus der in Teilen vermummten Demonstration.

MaรŸgeblich fรผr die anschlieรŸend nicht mehr nur begleitenden Rolle der Polizei dรผrfte der nachfolgende Angriff an der Ecke FichtestraรŸe sein. Eine Gruppe Einsatzbeamter, welche sich am Rande der Demonstration bewegt, wird plรถtzlich mit einem Bewurf aus Bรถllern und Raketen nicht von der Front, sondern aus der Mitte des lang gestreckten Demonstrationszuges eingedeckt.

Nachdem sie sich โ€“ teils rennend โ€“ auf Hรถhe der dortigen Konsumfiliale in die FichtestraรŸe zurรผckgezogen hat und einige Angreifer dies als Signal werten, noch einmal nachsetzen zu kรถnnen โ€“ verschรคrft die Polizei anschlieรŸend langsam aber deutlich die Gangart.

Zum ersten Mal erschallt umgehend mit dieser Situation die Aufforderung aus einem polizeilichen Lautsprecherwagen an den Demonstrationszug, die Vermummungen abzulegen und das Abbrennen von Bengalos und anderer Feuerwerkskรถrper einzustellen. Teils wird dies quittiert mit โ€žHalt die Fresseโ€œ und โ€žACABโ€œ-Rufen, an der Grundsituation รคndert sich nicht viel.

Endspiel?

AnschlieรŸend spult die Polizei ein defensiv-taktisches Drehbuch ab. Bis zum Erreichen der Kreuzung Richard-Lehmann-StraรŸe/ Ecke Karl-Liebknecht-StraรŸe wiederholt eine eher frรคnkisch klingende Polizeistimme die Aufforderung des Vermummungsverbotes und der Bรถllerei via Lautsprecherdurchsage wie vor EinsatzmaรŸnahmen gesetzlich vorgegeben exakt drei Mal, sodass praktisch jeder Demonstrant mitzรคhlen kann, wann der Einsatzpunkt kommen wird.

Diesen hat ab jetzt die Polizei auf der Kreuzung Richard-Lehmann-StraรŸe fixiert, auf dem die Demonstration nach der dritten Durchsage zum Stehen kommt, wรคhrend die Einsatzleitung bereits Einheiten in jeder der vier StraรŸenrichtungen positioniert hat.

Parallel dazu beginnen an dieser Stelle jene Demonstrationsteilnehmer, die selbst Krawall suchen, erste echte Zerstรถrungen. Ein lautes Platzgerรคusch kennzeichnet die berstende Scheibe an der Haltestelle Richard-Lehmann-StraรŸe, abbiegende Polizeiwagen werden attackiert, wรคhrend sich der Kessel der Polizei zuzieht. Jetzt kommen auch die groรŸen Bรถller zum Einsatz, offenbar haben einige Demo-Teilnehmer eine Menge eingepackt.

Bilder zu einem spรคteren Zeitpunkt zeigen auch aus der Gehwegpflasterung herausgelรถste Steine vor der dort ansรคssigen โ€žSubwayโ€œ-Filiale.

Fรผr etwa 10 Minuten ist nun โ€“ auch die Bilder des nach 0:15 Uhr beginnenden Polizeieinsatzes von Silvester 2019/20 am Connewitzer Kreuz im Kopf โ€“ tatsรคchlich zu befรผrchten, dass hier eine Art Kampfsituation zwischen Demonstrierenden, allen Umstehenden und der Polizei entstehen wird.

Zwischenbeobachtungen zu diesem Zeitpunkt an der Kreuzung

Ein Mann mit einem Kind auf den Schultern lรคuft auf Hรถhe der HTWK vorรผber, der Kleine sagt von oben, weinend: โ€žPapa โ€ฆ hier gehen wir nicht mehr her!โ€œ Der Mann stimmt zu und so verschwinden Papa und Sohn auf der Lehmann-StraรŸe Richtung MDR, die Beamtenkette lรคsst sie durchgehen. Andere wollen auch nur noch weg, versuchen รผber die KantstraรŸe die Demonstration zu verlassen โ€“ auch da Beamte, die den Weg versperren, kurze Zeit darf hier und an anderen Punkten niemand mehr vorbei.

Ein Mann, der behauptet aus Dresden zu sein und fรผr Indymedia zu demonstrieren, weist den Autor des Textes darauf hin, doch die Kamera nicht in der Hand zu tragen, diese kรถnnte bei einem mรถglichen Gerangel kaputtgehen. Der Autor selbst zieht sich (nicht deshalb, aber aufgrund der Situation selbst) auf eine mรถglichst lichtstarke Position zurรผck, um nicht irgendwo hineinzugeraten, wo man auch als Journalist schwer wieder herauskommt. Und anschlieรŸend nicht mehr berichten kann.

Was schnell deutlich wird: aus der Demonstration heraus fehlt denen, die Steine werfen wollen, die Unterstรผtzung. Was etwas langsamer deutlich wird: dieses Mal wird es keine wild umherrennenden Polizeitrupps geben, die Beamten bleiben passiv und warten ab, wรคhrend sie die Ausgรคnge versperren. Und ganz langsam Menschen gehen lassen, die friedlich gehen wollen.

In einer sichtgeschรผtzten Ecke zieht derweil ein junger Mann seine Gesichtsmaske ab, die schwarze Oberbekleidung aus und nun mit einem andersfarbigen Hoodie bekleidet spaziert er davon.

Die Anmelderin der Demonstration hat mittlerweile das Ende der Versammlung bekanntgegeben.

Auflรถsung oder die Widersprรผche der Gewalt

Als die verbliebenen Demonstranten nach fast einer Dreiviertelstunde ihre Spontandemonstration mit der Polizei abgesprochen haben, gehen nun noch runde 500 Menschen bis zum Herderpark. Und verstreuen sich dort, in der Wolfgang-Heinze-StraรŸe, langsam in alle Richtungen.

Auf dem Heimweg entlang der Karl-Liebknecht-StraรŸe ist ein Mitarbeiter der Konsum-Filiale an der FichtestraรŸe damit beschรคftigt, der versammelten Polizei zu erzรคhlen, wann und wie wohl ein Stein oder anderes die Frontscheibe des Ladens getroffen hat.

Der Wagen des Fensterglasers steht nun, zwei Stunden nach dem Vorfall, daneben. Haben hier mal wieder Menschen zur Steigerung des Bruttosozialproduktes beigetragen, wรคhrend sie glaubten, gegen den Kapitalismus, die Polizei und fรผr Integration zu kรคmpfen?

Die ewigen Widersprรผche der Gewalt.

Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 24. Januar 2020): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr fรผr alle Leser frei verfรผgbar. Trotz der hohen Relevanz vieler Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem โ€žLeserclubโ€œ (also durch eine Paywall geschรผtzt) kรถnnen wir diese leider nicht allen online zugรคnglich machen. Doch eben das ist unser Ziel.

Trotz aller Bemรผhungen seit nun 15 Jahren und seit 2015 verstรคrkt haben sich im Rahmen der โ€žFreikรคuferโ€œ-Kampagne der L-IZ.de nicht genรผgend Abonnenten gefunden, welche lokalen/regionalen Journalismus und somit auch diese aufwendig vor Ort und meist bei Privatpersonen, Angehรถrigen, Vereinen, Behรถrden und in Rechtstexten sowie Statistiken recherchierten Geschichten finanziell unterstรผtzen und ein Freikรคufer-Abonnement abschlieรŸen (zur Abonnentenseite).

Wir bitten demnach darum, uns weiterhin bei der Aufrechterhaltung und den Ausbau unserer Arbeit zu unterstรผtzen.

Vielen Dank dafรผr und in der Hoffnung, dass unser Modell, bei Erreichen von 1.500 Abonnenten oder Abonnentenvereinigungen (ein Zugang/Login ist von mehreren Menschen nutzbar) zu 99 Euro jรคhrlich (8,25 Euro im Monat) allen Lesern frei verfรผgbare Texte zu prรคsentieren, aufgehen wird. Von diesem Ziel trennen uns aktuell 350 Abonnenten.

Alle Artikel & Erklรคrungen zur Aktion โ€žFreikรคuferโ€œ

Empfohlen auf LZ

So kรถnnen Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstรผtzen:

Michael Freitag รผber einen freien Fรถrderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar