Thomas Fritzsch hat nicht zu viel versprochen. Die spรคten Kompositionen des Carl Friedrich Abel (1723 - 1787) weisen schon weit voraus ins 19. Jahrhundert und die groรe Zeit der romantischen Musik. Trotzdem war Abel lange Zeit vergessen und musste erst durch die beharrliche Arbeit von begeisterten Musikern wieder ins Bewusstsein der Welt zurรผckgeholt werden. Solchen wie dem Musiker Thomas Fritzsch, einem der versiertesten Gambenspieler der Gegenwart.
Gemeinsam mit Shalev Ad-El hat er den Kompositionen von Carl Friedrich Abel schon eine CD gewidmet: โSonaten fรผr Viola da Gambaโ. Doch sie bringt nur zu Gehรถr, was bislang von Abel bekannt war. Vieles aus dem Kompositionswerk Abels ist verschollen. Und es war ein echter Glรผcksfall, dass Elias Kulukundis ein Kenner unter den Sammlern ist. Eine gebundene Notensammlung legte er vor einigen Jahren schon Thomas Fritzsch ans Herz. Mittlerweile liegt dieser Notenband als Deposit im Bach-Archiv Leipzig, fรผr Thomas Fritzsch also gleichsam zu Hause gleich nebenan.
Zum Bachfest hat er dem Fund einen dreifachen Auftritt verschafft โ am 19. Juni, als er im Sommersaal zusammen mit Shalev Ad-El die Stรผcke erstmals รถffentlich auffรผhrte, parallel mit der Prรคsentation von fรผnf Notenbรคnden, die den Fund auch anderen Musikern zugรคnglich macht, und mit einer Doppel-CD, die bei Coviello Classics erschien. Hier hat er โ zusammen mit Michael Schรถnheit und Werner Matzke โ alle Stรผcke aus dem Manuskript eingespielt, das er schlicht die zweite Pembroke-Sammlung nennt.
Die erste Pembroke-Sammlung vereint jene einfachen, auch von damaligen Amateuren spielbaren Stรผcke aus dem Werk Abels, die ihn seinerzeit praktisch zum unsichtbaren Gast in den musizierenden Haushalten Europas gemacht haben. Die Viola da Gamba gehรถrte in vielen Haushalten โ insbesondere in Abels Gastland England โ zur normalen Ausstattung. Sie war eins der typischen Instrumente der Zeit, seit der Renaissance immer wieder fortentwickelt. Sie verschwand erst, als das Violoncello seinen Siegeszug antrat, das vom Klang her wesentlich besser zur aufkommenden neuen Musik passte.
Umso รผberraschender war natรผrlich das Auftauchen des zweiten Pembroke-Manuskripts, aus gutem Grund ebenfalls nach den Pembrokes benannt, aus deren Besitz auch das erste Manuskript stammte. Nur hat Abel die Noten dieses zweiten Konvoluts nicht fรผr Henry Herbert, den 10. Earl of Pembroke, und seine Gemahlin Elizabeth Herbert, Countess of Pembroke geschrieben. Dazu sind die Stรผcke zu anspruchsvoll. Mit gutem Grund nimmt Fritzsch an, dass dieser Notenband nach Abels Tod von Elizabeth Herbert bei einer Auktion ersteigert wurde. Auch als persรถnliches Andenken an den Musiker, mit dem die Pembrokes eng vertraut waren.
Eliza Pembroke spielte selbst Gambe.Was sich im 2. Pembroke-Manuskript befindet, sind zehn Sonaten fรผr Viola da Gamba und Basso und vier Duette fรผr Viola da Gamba und Violoncello โ es enthรคlt auch die Fingersรคtze von der Hand Abels. Etwas, so Fritzsch, was auch im 18. Jahrhundert nicht รผblich war zu verรถffentlichen. Wie jemand eine Komposition auf seinem Instrument umsetzte, war auch damals ganz dem Musiker รผberlassen. Doch die Fingersรคtze verraten dafรผr eine Menge รผber den Stil Abels, der zu seiner Zeit auch als grรถรter Virtuose auf der Gambe galt. Selbst als der Musiker schon heftig unter seiner Alkoholkrankheit litt, waren seine Londoner Konzerte bestens besucht. Seine Krankheit, meint Fritzsch, muss seiner Virtuositรคt keinen Abbruch getan haben.
Er hat dem Booklet der Doppel-CD auch zwei Bilder beigegeben, die den rapiden Verfall des gealterten Musikers sichtbar machen โ eines von seinem Freund Thomas Gainsborough von 1777 und eines vom franzรถsischen Maler Charles Jean Robineau von 1780. In dieser Zeit war Abel noch hochberรผhmt, ein Musikkritiker Ende des Jahrhunderts spricht รผber eine Musikepoche, in der noch โalles Abelisch warโ.
Nichts von dem, was dann im 19. Jahrhundert als revolutionรคr empfunden wurde, kam aus dem Nichts. Trotzdem erging es Abel ganz รคhnlich wie dem jetzt zum Bachfest gefeierten Carl Philipp Emanuel Bach: Sein Werk wurde vergessen, ein Groรteil ging verloren. Und viele enthusiastische Besprechungen der Zeit klangen eher wie รผbertriebene Lobhudeleien, weil sie mit dem, was an einfacher, eingรคngiger Musik von Abel รผberliefert war, nicht wirklich in รbereinstimmung zu bringen waren.
Mit dem Auftauchen der zweiten Pembroke-Collection in der Sammlung Kulukundis aber schloss sich eine Lรผcke. Eine Lรผcke, mit der auch der Gamben-Profi Thomas Fritzsch erst einmal zu kรคmpfen hatte, denn mit dem einfachen klassischen Gambenspiel hatte das, was er in Abels Fingersรคtzen fand, nicht mehr viel zu tun. Die Fingersรคtze zeigten einen Virtuosen, der mit seinem Instrument ungefรคhr so umging, wie es heutige begnadete Gitarristen mit ihrer E-Gitarre tun. Er hat ein scheinbar phlegmatisches Instrument, das ganz wie das Cembalo zu einer Zeit zu passen schien, in der alles nach ruhigem Tempo vonstatten ging, so modern gespielt, dass der Zuhรถrer staunt, denn das klingt tatsรคchlich nicht mehr nach gemรคchlichem Lautenspiel.
Das ist schon furioses frรผhes 19. Jahrhundert. Eines, das โ wie bei Schumann und Mendelssohn โ das wilde Auf und Ab der Gefรผhle kennt.Was auch damit zu tun hat, dass Abel Tonarten verwendet, die auf der Viola da Gamba einfach nicht รผblich waren. Abel suchte nach neuen und unerhรถrten Klangfarben, erzรคhlt Fritzsch im Text des beigelegten Booklets, in dem er den Leser mitnimmt in die โZeit, da alles Abelisch warโ. Er erzรคhlt dort nicht nur vom Ruhm des Virtuosen und seinen Freunden, sondern auch von seiner Alkoholsucht und seiner Krankheit. Die Biografie Abels ist bis heute unvollstรคndig. Viele Teile seiner Kindheit und Jugend sind noch weiรe Flecken. Ein Besuch in Berlin โ so interpretiert es Fritzsch โ wird dann zum Anfang vom Ende. Wahrscheinlich starb auch Abel โ wie sein Freund Johann Christian Bach โ arm wie eine Kirchenmaus. Seine Kompositionen wurden in alle Winde zerstreut. Dass Eliza Herbert, Countess of Pembroke, sich das Konvolut dann nach Abels Tod sicherte, ist ein Glรผcksfall.
Thomas Fritzsch und seine beiden Kollegen Michael Schรถnheit und Werner Matzke haben diesen Glรผcksfall nun wieder zum Klingen gebracht. Wobei โwiederโ natรผrlich ein wenig gemogelt ist. Wie Abel tatsรคchlich spielte und damit Franzosen und Englรคnder in Staunen versetzte, werden wir natรผrlich nie zu hรถren bekommen. Aber einem Vollblut-Gambisten wie Fritzsch verraten die Fingersรคtzen eine Menge. Und es kรถnnte gut sein, dass das, was die drei im Studio eingespielt haben, dem Abelschen Klang sehr, sehr nahe kommt.
Auf jeden Fall zeigt es, welche Bandbreite die Viola da Gamba tatsรคchlich hat, wenn man das Instrument einmal mit einer moderneren, fast wagemutigen Spielweise angeht und so spielt, als gรคlte es die Emotionalitรคt der deutschen Romantik vorwegzunehmen, die wir heute fรผr Klassik halten und fรผr ein Kind ihrer Zeit. Dabei ist sie unรผberhรถrbar ein Enkelkind der Abelschen Zeit. Der Begriff โSturm und Drangโ liegt nahe, den es in der Musik nicht gibt. Geschichte flieรt wie ein Strom โ nicht in einem kanalisierten schnurgeraden Bett, sondern in Windungen, Mรคandern, Verรคstelungen. Was gerade โModeโ ist, scheint alles andere zu verdrรคngen, scheint nun ganz allein der neue Strom der Geschichte zu sein. Doch nicht alles geht verloren. Und gerade die Wiederentdeckung von Carl Philipp Emanuel Bach und Carl Friedrich Abel in diesem Jahr zeigt, dass die Musikgeschichte manchmal ganze Kapitel in ihrer Berichterstattung einfach ausblendet, weil sie nicht in die geradlinige Erzรคhlung passen.
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Abel ist so ein Mรคander, der scheinbar aus dem Blickfeld verschwindet, als alles auf Mozart, Haydn und Beethoven starrt. Und dann klingt sein Ton im frรผhen 19. Jahrhundert wieder an, auch wenn sein Name verschollen ist.
Der Zuhรถrer fรผhlt sich mit diesen Aufnahmen logischerweise wie zwischen den Zeiten โ als hรคtte das Barock bis zum Biedermeier gedauert oder die Spรคtromantik gleich im Spรคtbarock angesetzt. Entsprechend kurzweilig klingt das, fast beschwingt. Vielleicht brauchte das im 18. Jahrhundert noch eine Menge Glรคser Wein, um auf dieses Tempo zu kommen. Wer weiร. Oder โ was vielleicht nรคher liegt โ Abel brauchte den Wein, um das eigene Furioso in spielbare Bahnen zu lenken. Dem Publikum seiner Zeit spielte er damit augenscheinlich aus dem Herzen. Und dass sein Musikzeitalter auch noch zehn Jahre nach seinem Tod als โAbelischโ empfunden wurde, bedeutet natรผrlich auch, dass seine Musik Wurzeln fing in der Musikwelt des Kontinents. Nur war die Zeit selbst noch nicht reif. Die Frรผchte konnten erst lange nach seinem Tod geerntet werden.
Carl Friedrich Abel โ2nd Pembroke Collectionโ, Coviello Classics, Darmstadt 2014
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