Kirchenbauwerke gehรถren in Mitteldeutschland zu fast jedem Ort. Im Alltag sind sie bekannt als Wahrzeichen, Ortsmittelpunkt oder Orientierungsmarke, sie haben architektonisch, kunsthistorisch und regionalgeschichtlich vielfรคltige Bedeutung. Dutzende Kirchen werden heutzutage anders als ursprรผnglich genutzt, so auch in Grimma.

Die Klosterkirche St. Augustin zu Grimma ist ein mรคchtiges Bauwerk. Erbaut um 1435, ist sie bei einer Mauerstรคrke von fast eineinhalb Metern rund 54 Meter lang, 12 Meter breit und 19 Meter hoch. Das markante Bauwerk, in dem einst auch Martin Luther predigte, zรคhlt im Ensemble mit dem benachbarten Gymnasium St. Augustin zu Grimmas bekanntesten Stadtansichten.

Die Klosterkirche wurde bis zur Reformation 1529 vom Orden der Augustiner-Eremiten genutzt und war anschlieรŸend mehr als 400 Jahre lang bis 1937 die Kirche der angrenzenden Fรผrsten- und Landesschule zu Grimma.

Mit der Bodenreform 1945 wurde die Stadt Grimma Eigentรผmerin der Klosterkirche โ€“ eine extrem ungewรถhnliche Situation: Ein Gotteshaus in kommunistischer Hand war ein zur DDR-Zeit verhรคngnisvoller Umstand, denn eine historische Kirche war das Letzte, was den SED-Ortsfรผrsten in ihr sozialistisches Stadtkonzept passte. Daher tat man erst einmal und dann auch weiterhin so gut wie gar nichts โ€“ und รผberlieรŸ das Bauwerk sich selbst und damit dem stillen Verfall. Sicherungs- und Sanierungs-Arbeiten blieben lange aus.

Zwar hatte in den 1950er und 1960er Jahren die evangelische Kirchgemeinde Grimma, die in der Frauenkirche zu Hause ist, zu verschiedenen Anlรคssen die Klosterkirche genutzt. Dazu gab es einen Vertrag mit der Stadt: ร„hnlich wie Wohnungsmieter hielten die Protestanten das Gotteshaus sauber, renovierten und besserten es aus. So etwa 1960, als nach der Renovierung das schmucke, helle Kircheninnere feierlich eingeweiht wurde. Auch trat mehrfach der Kreuzchor aus Dresden auf.

Die Klosterkirche Grimma wird als innerstรคdtische Mehrzweckhalle genutzt. Foto: Holger Zรผrch
Die Klosterkirche Grimma wird als innerstรคdtische Mehrzweckhalle genutzt. Foto: Holger Zรผrch

Die Orgel โ€“ erschaffen 1896 von der Orgelbau-Anstalt Emil Mรผller aus Werdau โ€“ wurde 1959 instand gesetzt. Doch 30 Jahre spรคter waren sowohl die Orgel als auch das Inventar der Kirche verschwunden: Als 1975 die kirchliche Nutzung endete, war der Sakralbau so gut wie nicht vor Einbruch und Diebstahl gesichert. Und so landeten die hochwertigen Orgelpfeifen โ€“ begรผnstigt vom Wegschauen der Behรถrden in Grimma und der Volkspolizei โ€“ vermutlich beim DDR-Schrotthandel.

Immerhin: 1979 wurden fรผr 120.000 DDR-Mark der Dachreiter saniert und eine neue Wetterfahne aufgesetzt. Doch gegen das seit langem bekannte Hauptproblem, den Hausschwamm unter dem Dach, wurde nichts unternommen โ€“ und so stรผrzte im Sommer 1989 das morsch gewordene Dach-Gebรคlk an der Westseite in das Kirchenschiff. Vor Weihnachten wurden die Dach-รœberreste abgebaut, das verschwammte Holz verbrannt. Von da an war das Gotteshaus Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert.

Anfang der 1990er Jahre gab es in Grimma eifrige Diskussionen zu Wiederaufbau und Umnutzung der Klosterkirche, es kursierten abenteuerliche Ideen. 1992 wurden eine Stahlbinder-Dachkonstruktion montiert (wer heute die Kirche betritt und nach oben blickt, wรคhnt sich in einer Industriehalle โ€ฆ) und der FuรŸboden erneuert. 1993 erhielt das 1.670 Quadratmeter groรŸe Dach neue Krempziegel, die Wรคnde verblieben in schlichter Kahl- und Kargheit. Die Barockkanzel der Klosterkirche gelangte in die Sankt-Katharinen-Kirche in Annaberg-Buchholz, die Altar-Platte aus dem Jahr 1686 in die Kirche zu Trebsen.

Seit 1993 hรคngt die Augustiner-Glocke von 1491 wieder im Dachreiter der Klosterkirche und kann elektrisch gelรคutet werden. Dies geschah erstmals offiziell โ€“ kein Witz! โ€“ 22 Jahre spรคter im Jahr 2015 bei Grimmas Festival der Reformation, nach 63 Jahren Lรคute-Pause.

Nach jahrzehntelangem Leerstand und Verfall, baupolizeilicher Sperrung und Dach-Einsturz 1989 wurde die Klosterkirche in den 1990er Jahren wieder nutzbar gemacht โ€“ mit den Schwerpunkten Kunst, Kultur und Musik. Sie ist nunmehr Konzerthalle und Veranstaltungsstรคtte in Grimmas Altstadt. Seit 2016 dient der Sakralbau auch als Kulisse fรผr profanen Handel: von Frรผhjahr bis Herbst finden Frischemรคrkte statt. Seit 2017 ist dort die Konzertreihe MDR Musiksommer zu Gast und alljรคhrlich Grimmas Martinimarkt.

Innenansicht der Klosterkirche Grimma um 1960. Foto: Archiv Holger Zรผrch
Innenansicht der Klosterkirche Grimma um 1960. Foto: Archiv Holger Zรผrch

Einziger Schmuck, der an die mehr als 400-jรคhrige Nutzung als Gotteshaus erinnert, sind seit dem Jahr 1996 die beiden historischen Glasmosaik-Bildnisse von Martin Luther und Philipp Melanchthon im mittleren Kirchenfenster auf der Mulde-Seite. Diese Fenster hatte Pfarrer Helmut Berthold, einst Schรผler der Fรผrstenschule nebenan, Anfang der 1990er Jahre der Stadtverwaltung Grimma fรผr die Klosterkirche รผbergeben.

2017 wurde der nicht entwidmete Sakralbau als Stรคtte des Glaubens kurzzeitig wiederbelebt: Die Teilnehmer einer Kirchenkonferenz, die nebenan im Gymnasium tagten, nutzten ihn zum Gottesdienst. De jure ist das Bauwerk trotz seiner profanen Nutzung nach wie vor eine Kirche.

Koordinaten: 51ยฐ 14โ€ฒ 6,5โ€ฒโ€ฒ N, 12ยฐ 43โ€ฒ 49,6โ€ฒโ€ฒ O

Nรคchste Folge: Die umgenutzte Ulrichskirche in Halle (Saale)

Recherche und Zusammenstellung: Holger Zรผrch, Oktober 2021. Mit freundlicher Unterstรผtzung vom Fรถrderverein der Leipziger Denkmalstiftung.

Quellen und Links:
https://de.wikipedia.org/wiki/Klosterkirche_Grimma
https://www.sachsen-tourismus.de/service/points-of-interest/details/poi/klosterkirche-grimma-grimma/
https://web.archive.org/web/20180326141531/https://www.mdr.de/musiksommer/spielorte/grimma-klosterkirche100.html

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