Leipzigs Stadtgeschichte ist wesentlich facettenreicher, als es die üblichen Legenden für die Leichtgläubigen weiß machen. Das wurde schon 2015 klar, als die große vierbändige Ausgabe zur tausendjährigen Stadtgeschichte erschien. Die im Grunde an vielen Stellen erst sichtbar machte, wie viele Löcher es in der Stadterforschung tatsächlich noch gibt. Die „Jahrbücher für Leipziger Stadtgeschichte“ versuchen ein paar dieser Löcher zu stopfen. Oder wenigstens zu beschreiben. Denn manches verschwindet ja tatsächlich im Nirwana.
Manchmal ganz trocken angewiesen von irgendwelchen Sekretären, die sich lieber streng an Aufbewahrungsfristen halten und ganze Aktenbestände zum Schreddern freigeben, die dann Jahre später Historiker vergeblich in den Beständen des Stadtarchivs suchen. So wie es einem großen Teil der Akten zum 1890 nach Leipzig eingemeindeten Eutritzsch erging. Olaf Hillert nimmt in diesem für 2023 erschienenen Jahrbuch eine Tiefenerkundung vor, was von den alten Eutritzscher Akten in den Archiven der Stadt noch vorhanden ist – manchmal an den entlegensten Stellen.
Und was eben nicht, weil irgendein Amtswalter wahrscheinlich schon damals meinte, dass die Vergangenheit besser im Papierschredder aufgehoben wäre. Sehr zum Ärger der heute forschenden Stadthistoriker/-innen, die beim Suchen feststellen, dass ausgerechnet die spannendsten Akten nicht mehr existieren.
Aber natürlich gilt auch das Gegenteil: Dass sie beim Wühlen in den Archiven auf Schriftstücke und Informationen stoßen, mit denen sie gar nicht gerechnet haben – so wie Michael Ruprecht die Protokolle der Leipziger Ratsversammlungen aus den Jahren 1831 bis 1935 findet. Für jeden Historiker ein gefundenes Fressen. Nur einen kleinen Haken hat die Sache: Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein sind alle Protokolle handschriftlich verfasst.
Man braucht also auch noch das Talent, die Handschrift der damaligen Protokollführer entziffern zu können. Weil aber im Stadtrat so gut wie alles behandelt wurde, was die Stadtverwaltung betraf, sind diese Protokolle eine Schatztruhe zur Geschichte der Stadt. Und nicht nur dieser. Denn 1831 bekam Sachsen ja bekanntlich seine erste Verfassung. Die Protokolle sind also auch ein Blick in den entstehenden Parlamentarismus in Leipzig. Und in seine Geburtsstunde als Großstadt.
Ruprechts Aufruf, die Kolleginnen und Kollegen der forschenden Zunft mögen dieses Material nutzen, dürfte bei vielen auf offene Ohren stoßen.
Kramerinnung, Familie Mordeisen und altbekannte Zoonosen
Genauso wie der Beitrag von Lars-Arne Dannenberg und Jens Kunze dazu einlädt, den Bestand der Leipziger Kramerinnung im Leipziger Stadtarchiv zu nutzen, um die frühe Geschichte der Leipziger Kaufmannschaft zu erforschen. Was ja kein Randthema ist, sondern ein ganz zentrales für die Messe- und Handelsstadt Leipzig. Und dabei finden sich diese Beiträge fast schüchtern im hinteren Teil des Buches.
Im vorderen Teil dominieren Beiträge, die einige der in der großen Stadtgeschichte festgestellen Löcher ins Visier nehmen. Rico Heyl zum Beispiel versucht erstmals, einen Überblick über die Leipziger Badestuben und ihre Funktionsweise im Mittelalter zu geben. Jens Kunze versucht, die reiche Familie Mordeisen aus überlieferten Akten zu fassen zu bekommen.
Madeleine Apitzsch hat einen zweiten Beitrag zur Leipziger Hexenverfolgung beigesteuert und widmet sich genauer den aktenkundigen Spuren zur Arbeit des Leipziger Stadtgerichts und auch den Chancen der denunzierten Frauen, eine Anklage wegen Hexerei zu überstehen.
Und da jüngst gerade das Coronavirus die schöne eingebildete Moderne in Angst und Schrecken versetzte und uns daran erinnerte, dass jederzeit neue Krankheiten von Tieren auf den Menschen überspringen können, untersucht Janine Köckert in diesem Band den Umgang der Stadtverwaltung mit den damals bekannten Zoonosen in der Stadt.
Während sich Dörthe Schimke einem Berufsstand widmet, der auch im 19. Jahrhundert lange Zeit unter dem Radar lief: dem der Dienstboten, die zum größten Teil Dienstmädchen waren und sich in den zunehmend solventeren Leipziger Bürgerhaushalten verdingten.
Einerseits Zeichen einer zunehmend in Bewegung geratenen Gesellschaft und einer wachsenden Stadt, andererseits aber auch der vorsichtige Blick in eine Arbeitswelt, die damals schon Stadt und Hilfsorganisationen beschäftigte und der so wenigstens aktenkundig wurde.
Die Uneindeutigkeit von Geschichte
Enrico Ruge-Hochmuth interessiert sich dann eher dafür, warum in Leipzig seinerzeit so viele Industrie- und Gewerbeausstellungen inszeniert wurden und was das mit den großen Weltausstellungen in London, Paris und Chicago zu tun hatte – und mit der frühen Sehnsucht der Menschen nach einer Art Disneyland. Thomas Höpels Beitrag zur Volkserhebung am 17. Juni 1953 ist dann eher eine Art Übersicht und ein kleiner Einblick in die damalige Reaktion der Leipziger Polizei auf die Proteste, wozu ein überlieferter Polizeibericht durchaus hilft.
Wobei der Begriff „Volkserhebung“ eigentlich fehl am Platz ist. Die Forschung spricht eher von einem Arbeiteraufstand. Auch in Leipzig kam der Protest vorwiegend aus den Betrieben, wo die Arbeiter gegen die willkürlich von der SED hochgesetzten Normen protestierten.
Wer sich diesen dritten Band aus der blauen Reihe zulegt, taucht also einmal mehr in einige sehr spezielle Gebiete der Leipziger Stadtgeschichte ein. Im hinteren Teil des Buches erfährt er auch etwas zum Nachlass von Barnet Licht und zur Entwicklung der CENTRUM-Warenhäuser in der DDR, von denen ja auch Leipzig eines hatte.
Stadtarchiv, Geschichtsverein und Stadtgeschichtliches Museum ziehen noch ihre Arbeitsbilanz für 2022. Die jüngst erschienen Bücher zur Leipziger Geschichte werden rezensiert.
Und wer bis zu Ende gelesen hat, weiß wieder ein bisschen mehr zur Geschichte einer Stadt, die erst in Details und alten Akten zeigt, dass sie eigentlich ein Kosmos ist, den man auch Jahrzehnte später nicht einfach auf einen Punkt bringen kann. Denn Geschichte läuft nicht linear. Nicht einmal in einer scheinbar so leicht auf einen Nenner zu bringenden Stadt wie Leipzig. Der Nenner trügt.
Und das sollte man vielleicht auch in der Gegenwart beachten. Denn was wir heute Politik nennen, ist schon morgen Stoff für die Historiker. Und etliche von ihnen werden den Kopf schütteln über das, was wir heute angerichtet haben. Und manche werden nach Akten suchen, die auf seltsame Weise verschwunden sind. Vielleicht aber auch nur, weil ein Aktenverwalter mal wieder meinte, ordentlich aufräumen zu müssen.
Oder dass die Akten – das klingt ja als Bedauern zu den löchrigen Leipziger Aktenbeständen auch an – im letzten Weltkrieg zerstört wurden. Weshalb viele Historiker so froh sind, dass der legendäre Gustav Wustmann viele Ratsakten zu seiner Zeit wenigstens mal ausgewertet hat.
Ohne zu ahnen, dass die wertvollen Akten in einem Kriegsinferno verbrennen würden. Man sieht es den Akten nicht an, wie vergänglich sie sind, wenn dumme Menschen anfangen, dumme Politik zu machen. Das klingt wie eine Warnung. Ist aber so.
Und weil der vierte Band der Reihe auch schon da ist, werden wir ihn an dieser Stelle in Kürze ebenfalls besprechen.
Markus Cottin, Uwe John (Hrsg.) Jahrbuch der Leipziger Stadtgeschichte. 3/2023 Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2023, 30 Euro.
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