In den Reinbeckhallen in Berlin gibt es ab dem 11. April eine besondere Ausstellung. Dann werden dort Fotografien des 2009 verstorbenen Berliner Fotografen Roger Melis ausgestellt. Der Titel kรถnnte gar nicht knackiger sein: โ€žDie Ostdeutschenโ€œ. Das Buch dazu ist jetzt als vierter Band der Melis-Fotobรคnde im Lehmstedt Verlag erschienen, herausgeben von Mathias Bertram, der auch die anderen Bรคnde schon betreute.

Und der natรผrlich auch all die Rezensionen kennt, die in groรŸen deutschen Zeitungen รผber diesen ganz besonderen Fotografen aus Ostdeutschland und die ambitionierten Fotobรคnde aus dem Lehmstedt Verlag erschienen sind. Fotobรคnde, die zumindest fรผr die Rezensenten eine echte รœberraschung waren. Denn so kannten sie weder den Osten noch die Ostdeutschen. Diese ostdeutsche Fotografie erst recht nicht, denn was Melis und seine Mitstreiter in der Fotogruppe direkt auf Film bannten, war etwas vรถllig anderes, als in den offiziellen Zeitungen und Publikationen der DDR zu sehen war.

Ihre Fotoserien entstanden fast alle im Selbstauftrag oder fรผr die wenigen anspruchsvollen Magazine im Osten, deren Redakteure es noch wagten, solche unverstellten und unpropagandistischen Bilder aus dem realen Leben der DDR zu verรถffentlichen. Egal, ob es um das wirkliche Dorfleben ging, das Privatleben oder die Arbeitswelt.

Und gerade die Fotos von Roger Melis รผberraschten die westdeutschen Medienmacher nach der โ€žWendeโ€œ. Denn so hatten sie den Osten nie gesehen. Sie hatten die offiziรถsen Bilder der DDR-Propaganda im Kopf, all die fahnentragenden FDJler, strammen Soldaten, winkenden Jubelmassen zum 1. Mai. Den realen Alltag in der DDR bekamen nur die allerwenigsten Westkorrespondenten zu Gesicht. Das private Leben oder gar die Arbeitsstรคtten der Ostdeutschen blieben ihnen verschlossen. Die blieben auch ostdeutschen Redakteuren in der Regel unzugรคnglich.

Na ja, und die meisten Ost-Redaktionen wollten das alles auch nicht wissen. Damit hรคtte man sich die Finger verbrannt und den Zorn der Oberen auf sich gezogen. Was eben auch bedeutete: Die Ostdeutschen wussten, dass ihre Medien ihnen eine Fake-Welt vorgaukelten, dass die tollen Siegerergebnisse auf den Titelseiten der Zeitung nichts mit dem zu tun hatten, was sie in der Mangelwirtschaft tรคglich erlebten.

Mรถglich, dass daher auch die bis heute anhaltende Skepsis gegen mediale Berichterstattung rรผhrt.

Mรถglich, aber nicht sicher.

Denn wirklich damit auseinandergesetzt haben sich auch die Medien im Osten nicht, die nach der โ€žWendeโ€œ sรคmtlich in private Hand kamen und fast alle Besitzer im Westen haben. Es brauchte nur ein groรŸes Besรคufnis am 3. Oktober 1990 und aus einer kurzen Phase des kritischen Erwachens wurde zumeist eine neue Jubelberichterstattung, die mit dem, was die Ostdeutschen nach dem groรŸen Kater erlebten, auch nicht viel zu tun hatte.

Deshalb konnten augenscheinlich auch die westdeutschen Korrespondenten mit den Fotos von Roger Melis und seinen Mitstreitern so wenig anfangen. Sie sahen darin zwar irgendwie ein frappierend menschliches Bild der Ostdeutschen, wie sie jenseits der Propagandakulisse wirklich lebten. Aber sie griffen diesen Widerspruch nicht auf, thematisierten ihn auch nicht. Fortan war es allen mรถglichen Heimatsendern und Heimatgazetten รผberlassen, mit dem alten Ostfernseh-Material das alte Propaganda-Bild des Ostens mit all seinen Mythen und Selbstbeweihrรคucherungen fortzuschreiben.

Logisch, dass sich viele Ostdeutsche gleich wieder im falschen Film fรผhlten. Viele auch nicht, denn diese Art Berichterstattung und โ€žVergangenheitsbewรคltigungโ€œ unterstรผtzte viele Ost-Bรผrger in ihrer alten Lebenslรผge. Sie mussten sich nicht mit den Rissen in ihrer Biografie beschรคftigen.

Erst mit den Bildbรคnden aus dem Lehmstedt Verlag รคnderte sich โ€“ zumindest bei all denen, die ein Auge fรผr das Authentische haben โ€“ so langsam das Nachdenken รผber den Osten. Denn gerade bei Melis war รผberdeutlich, dass es ihm bei seiner fotografischen Arbeit nie um das Entlarven ging, nicht um eine Art Wallraffiade, um zu zeigen, wie schlimm das alles war. Im Gegenteil: Er behandelte alle Menschen, die er fotografierte, mit Respekt, suchte sie in ihrem tรคglichen Arbeitsumfeld auf, vermied das โ€žBauenโ€œ von Bildern (das unsere heutigen Regionalfotografen so perfekt beherrschen). Was รผbrigens so ganz ungewรถhnlich fรผr die DDR nicht war. Es gibt auch beeindruckende DEFA-Filme, denen es gelang, das Stimmungsbild des Landes genauso einzufangen.

Nur werden die heute im Heimatsender fast nie gezeigt. Und gesamtdeutsch werden sie auch nicht wahrgenommen.

Und so war der Schritt des Lehmstedt Verlages nur konsequent, aus dem Nachlass-Archiv von Roger Melis eine neue Fotoauswahl zu treffen und sie sprechend โ€žDie Ostdeutschenโ€œ zu nennen. Mittenhinein in eine Debatte, die mal wieder fast ausschlieรŸlich von Westdeutschen gefรผhrt wird, die alle ihre gerasterten und vorgeprรคgten Bilder vom โ€žOssiโ€œ haben. Manche meinen, sich durch einige Ereignisse im Osten in ihren Vorurteilen erst recht bestรคtigt zu sehen, andere versuchen verzweifelt, gedanklich aus der herabwรผrdigenden โ€žOssiโ€œ-Schublade herauszukommen.

Dumm, dass es meist nur die Feuilletonredakteure sind, die die beeindruckenden Fotobรคnde aus dem Hause Lehmstedt durchblรคttern und rezensieren. Und loben, oft sogar zutiefst beglรผckt sind, mit Roger Melis endlich auf eine ostdeutsche Wirklichkeit schauen zu kรถnnen, die fรผr gewรถhnlich unter lauter Schichten von falschen Allgemeinplรคtzen verschรผttet liegt.

Und auf Ostdeutsche, die ganz und gar nicht gebรผckt und verdruckst im Bild erscheinen, auch nicht aufgebrezelt wie Schlagerstars, sondern selbstbewusst auf eine Weise, wie man sie den Bewohnern der DDR nach all den Plattitรผden der Nachwendezeit nicht mehr zugetraut hรคtte: egal ob LPG-Bauern, Krankenschwestern, Kรผnstler, Schauspieler, Handwerker โ€“ fast jedes Bild erzรคhlt von Menschen, die die Selbstsicherheit ausstrahlen, das, was sie gerade tun, auch zu beherrschen und aus den oft primitiven Mรถglichkeiten doch ein handfestes Ergebnis zu machen. Sie schรคmen sich sichtlich nicht, in ihrer oft genug zusammengestoppelten Arbeitsbekleidung an einem Arbeitsplatz aufgespรผrt worden zu sein, der so ramponiert war, dass man sich eher wundert, dass dieser Laden noch lief.

Es ist auch ein Ernst in diesen Blicken, den man in heutigen Portrรคts regelrecht vermisst. Selbst Wolf Biermann guckt so, dieser โ€žStaatsfeindโ€œ, der das Land und seine Regierten so ernst nahm, dass er nicht mehr bereit war, seine Verse zu zรคhmen. Auch wenn gerade die Bilder aus den โ€žstillen Landschaftenโ€œ zeigen, dass es wohl schon frรผh seine Rolle als wirklich funktionierende und hoffnungsfrohe Alternative eingebรผรŸt hatte. Bertram fรผhlt sich bei einigen Aufnahmen sogar ans 19. Jahrhundert erinnert. Und er wundert sich auch รผber die erstaunlich selbstbewussten Jugendlichen auf dem Berliner Rummelplatz.

Aber gerade das machte ja den Osten aus. Und jeder konnte es hรถren in den Liedern von Klaus Renft, den Melis natรผrlich auch fotografiert hat, genauso wie Christa Wolf, deren Bรผcher tief eintauchten in das Leben der Ostdeutschen, oder Manne Krug, den ostdeutsche Kinobesucher tief in ihr Herz geschlossen hatten.

Als nach der Biermann-Affรคre der Aderlass der Kรผnstler begann, verloren die Ostdeutschen viele ihrer wichtigsten Lieblinge und Vorbilder. Und auch diese herrlich jazzige Leichtigkeit, die ein Manfred Krug ausstrahlte. Aber zu diesem freundlichen Ernst gehรถrt nun einmal auch eine Portion Respekt. Die Melis den von ihm Fotografierten sichtlich immer entgegenbrachte. Er hatte keinen Druck, seine Fotomotive โ€žEindruck schindenโ€œ zu lassen, sie fรผr irgendeine Botschaft zu inszenieren. Die Hintergrรผnde erzรคhlten genug รผber die Lebens- und Arbeitswelt der Abgebildeten. Sie waren die Kรถnige eines ramponierten kleinen Kรถnigreiches, aber sie wussten was dort zu tun war, um den Laden am Laufen zu halten. Trotz alledem.

Es ist genau die Wรผrde, die vielen Ostdeutschen nach 1990 abgesprochen und abgekauft wurde. Man ahnt es nur, was aus solchen Menschen wird, die gewohnt waren, aus lauter Mangel doch noch irgendetwas zu machen, und die nun auf einmal gesagt bekamen, dass ihre Qualifikation nichts mehr zรคhlte, ihr FleiรŸ auch nicht und ihre Lebenserfahrungen auch nicht.

Seitdem haben sie, wenn sie denn mal fotografiert werden, so etwas Zweifelndes, Misstrauisches im Blick. Wohl zu Recht.

Und man vermisst diesen Stolz, wie er im Titelfoto mit der Schauspielerin Eva-Maria Hagen zum Ausdruck kommt, diesen Stolz, sich seines Kรถnnens stets bewusst zu sein und sich auch von tumben Funktionรคren nichts einreden zu lassen. Auf einmal stehen die Fotos von Roger Melis als Herausforderung in Raum, konfrontieren eine irritierte Gesellschaft mit dem Verlorenen, das eben nicht in den herabgewirtschafteten Hรคusern und Fabriken steckte, die Melis auch fotografierte. Sondern in den Blicken dieser Menschen, die sich nicht scheuten, das Leben und die Zeit bei den Hรถrnern zu packen.

Ist das jetzt zu viel interpretiert? Eigentlich nicht. Denn Melis zeigt die Ostdeutschen, wie sie sich eigentlich immer sehen wollten: respektiert und ernst genommen. Nicht zur Karikatur gemacht, wie das ab 1990 รผblich wurde. Umso frappierender sind diese selbstbewussten Gesichter aus einem lรคngst verschwundenen Land. Das ist Herausforderung und Gewohnheitsbruch in einem.

Herausforderung natรผrlich, weil hier ein Bild der Ostdeutschen sichtbar wird, mit dem sich nun fast 30 Jahre niemand wirklich auseinandersetzen wollte. Weshalb nicht nur die Abgebildeten wohl das Gefรผhl haben dรผrfen, dass sie den MaรŸgebenden noch immer so unbekannt sind wie vor der Friedlichen Revolution. Die รผbrigens nicht Helmut Kohl gemacht hat, sondern die Ostdeutschen. Die da, die da bei Melis auch so nachdenklich feiern und so selbstbewusst ihre schmierigen Hรคnde vorzeigen.

Die Ausstellung โ€žDie Ostdeutschenโ€œ ist in den Reinbeckhallen Berlin vom 11. April bis zum 28. Juli zu sehen.

Roger Melisโ€™ neugieriger Blick in ein stilles, lรคngst verschwundenes Land

Roger Melisโ€™ neugieriger Blick in ein stilles, lรคngst verschwundenes Land

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โ€œMรถglich, dass daher auch die bis heute anhaltende Skepsis gegen mediale Berichterstattung rรผhrt.โ€
Gut mรถglich. Bei mir beobachtete ich: Seit einigen Jahren fรผhle ich mich immer รถfter wie in der DDR. Es gibt immer mehr Momente einer unรผberbrรผckbaren Diskrepanz zwischen den โ€˜realen Lebenโ€™ und der Wahrnehmung in den Medien wie in der Politik. Wandlitz war dagegen fast volksnah.
Das heiรŸt, die โ€˜Skepsisโ€™ ist keineswegs anhaltend, sondern erst neu gewachsen.

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