Personen und Ereignisse, Traditionen, Bauwerke und anderes Erinnerungswürdiges, mehr oder minder in Vergessenheit geraten oder unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung – sie stehen im Mittelpunkt dieser Serie. Diesmal in „Memoria“: das Sozialversicherungszentrum Leipzig und seine noch junge Geschichte auf militärischem Boden. Jahrzehntelang dröhnten dort im Gleichschritt Soldatenstiefel, jetzt geht es beinahe sanftfüßig zu.

Gleiche Augenhöhe statt Unterwürfigkeit, persönliche Beratung statt Befehlston, professionelle Freundlichkeit statt Militärdrill.

Wer das als Vision im Frühjahr 1991 für das abgewirtschaftete Militärgelände in Leipzigs Nordwesten vorhergesagt hätte, dem wäre ungläubiges Kopfschütteln sicher gewesen. Doch genau so ist es gekommen.

Konversion meint die Nach- und Umnutzung einstiger militärischer Gebäude und Gebiete für zivile Zwecke. Leipzig hat dafür mit dem fast 17 Hektar großen Sozialversicherungszentrum Leipzig ein eindrucksvolles Beispiel – das jedoch kaum wahrgenommen wird.

Das, was dort jetzt vor sich geht, läuft nahezu geräuschlos – und ist zugleich für zahlreiche Menschen in ihrem persönlichen Leben oft wichtig und weichenstellend.

Vorgeschichte

Das heutige Gelände des Sozialversicherungszentrums Leipzig entstand ab 1875 als Kaserne Möckern. Nach mehr als 115 wechselvollen Jahren wurde es am 29. April 1991 samt Kaserne der Treuhand zur zivilen Nutzung übergeben.

Bald erwarb die damalige Landesversicherungsanstalt Sachsen das Gelände und richtete in der architektonisch besonderen Kaserne, die schrittweise umfassend saniert wurde, ihren Hauptverwaltungssitz ein.

Das Hauptportal der 345 Meter langen Kaserne Möckern, heute Zentrale der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland (Freddo213, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118328655)
Hauptportal der 345 Meter langen Kaserne Möckern, heute Zentrale der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland (Freddo213, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118328655)

Die typische gründerzeitliche Gestaltung und Gliederung des Gebäudes mit seinen bemerkenswert sicheren Proportionen sowie barocken und klassizistischen Anklängen sind von bemerkenswertem ästhetischen Reiz.

Die ursprüngliche Kaserne ist mit 345 Metern das bis heute längste Gebäude in Leipzig. Ihre Nutzfläche beträgt rund 18.000 Quadratmeter.

Entwicklung zum Sozialversicherungszentrum

Im Januar 1994 gründeten die Landesversicherungsanstalt Sachsen (seit 2005: Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland), das Berufsförderungswerk Leipzig, das Arbeitsamt Leipzig und das Rechenzentrum der Deutschen Rentenversicherung die „Bauherrengemeinschaft Sozialversicherungszentrum Leipzig-Möckern“. Ziel der Gesellschaft bürgerlichen Rechts war die gemeinsame und koordinierte Neugestaltung des einstigen Kasernengeländes.

Das Konzept war, den unterschiedlichen Nutzungsansprüchen der vier Bauherren gerecht zu werden und gleichzeitig einen gemeinsamen gestalterischen und funktionstüchtigen Rahmen zu schaffen.

Das Gelände, im Laufe der Jahrzehnte großflächig bebaut mit militärischen Bauwerken aller Art, musste umfangreich zurückgebaut und renaturiert werden. So war es auch erforderlich, die Bodenflächen schichtweise zu dekontaminieren.

Jüngere Vergangenheit und Gegenwart

So entstand auf knapp 17 Hektar Fläche das Sozialversicherungszentrum Leipzig – offizielle Bezeichnung „SVZ Sozialversicherungszentrum Leipzig-Möckern“, kurz: SVZ – als modernes Behördenzentrum im Stadtteil Möckern.

Dieses neudeutsch „Cluster“ genannte Zentrum – Leipzigs größte zentrale Ansiedlung öffentlicher Institutionen – ist sowohl mit seiner Anzahl an Sozialversicherungsträgern und Leistungsträgern als auch mit seiner Größe wohl einzigartig in Mitteldeutschland, womöglich auch darüber hinaus.

Fünf Einrichtungen gehören zu Leipzigs Behördenzentrum für Bürger aus Leipzig sowie aus ganz Mitteldeutschland:
• die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland mit ihrer Zentrale (in der ursprünglichen, komplett sanierten Kaserne Möckern von 1875 und 1876)
• die Agentur für Arbeit Leipzig und
• das Berufsförderungswerk Leipzig
sowie als Erweiterung auf der anderen Seite der Georg-Schumann-Straße
• das Jobcenter Leipzig und
• die Jugendberufsagentur Leipzig.

Der 1999 vollendete, öffentlich zugängliche Park ohne eigenen Namen auf dem Gelände des Sozialversicherungszentrums hat die Gebäude dieser Institutionen an seinen Randbereichen.

Der Übersichtsplan Sozialversicherungszentrum Leipzig (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122210007)
Übersichtsplan Sozialversicherungszentrum Leipzig (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122210007)

Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland

Die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland ist für mehr als 2 Millionen gesetzlich Versicherte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständig und zahlt rund 1,5 Millionen gesetzliche Renten aus. Neben ihrer Zentrale in Leipzig hat sie weitere Hauptstandorte in Erfurt und Halle (Saale), auch gibt es mehr als zwei Dutzend Auskunfts- und Beratungsstellen in den drei Bundesländern.

Diese Körperschaft des öffentlichen Rechts entstand am 30. September 2005 aus dem Zusammenschluss der Landesversicherungsanstalten Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In der Zentrale in Leipzig sind mehrere hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig.

Agentur für Arbeit – mit Gemälde von Neo Rauch

Die Agentur für Arbeit Leipzig – damals Arbeitsamt Leipzig genannt – wurde im Juni 1997 nach zweijähriger Bauzeit eingeweiht, sie entstand auf einem insgesamt 40.500 Quadratmeter großen Grundstück.

Den Entwurf für den Neubau des Arbeitsamtes verantwortete das Architektenbüro Professor Gerber & Partner aus Dortmund. Generalunternehmer war die Firma Wolff & Müller aus Stuttgart. Die Baubetreuung verantwortete das Staatshochbauamt Stuttgart.

Das Investitionsvolumen für das in damals sogenannter „neuer Bescheidenheit“ errichtete Verwaltungsgebäude betrug 60 Millionen D-Mark. Mit dem realisierten Baukörper konnten erhebliche finanzielle Mittel im Vergleich zum Ursprungsentwurf eingespart werden. Am Neubau waren 55 Firmen beteiligt, davon 27 aus den neuen Bundesländern.

Die Agentur für Arbeit Leipzig (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122209521)
Agentur für Arbeit Leipzig (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122209521)

Das Bauwerk, das aus der Vogelperspektive an einen Kamm mit vier Zinken erinnert, hat entlang der Seelenbinderstraße eine 180 Meter lange, offene Halle, die als lichter Raum vom Eingang her aufgeweitet ist, mit die vier Geschosse verbindenden, freien Treppen. Der Bau ist eine Stahlbeton-Skelettkonstruktion mit Flachdach, das bereichsweise mit Dachöffnungen (Shedoberlichter) versehen ist. Die Nutzfläche beträgt knapp 16.000 Quadratmeter.

Anfangs betreuten rund 850 Mitarbeitende die damals mehr als 40.000 Arbeitslosen der Stadt Leipzig und indirekt die insgesamt 63.000 Arbeitslosen des Arbeitsamtsbezirkes Leipzig. Auch wurden und werden zahlreiche weitere Aufgaben aktiver Arbeitsmarktpolitik nach dem Arbeitsförderungsgesetz (jetzt Drittes Buch Sozialgesetzbuch) bearbeitet.

Ursprünglich gab es fast 750 Bildschirmarbeitsplätze mit 600 Druckern sowie 50 weitere Personal Computer. Heizung, Lüftung und Steuerung wurden weitgehend automatisiert und energiesparend realisiert. Das Haus hat eine Tiefgarage mit 256 Stellplätzen, weitere 43 Pkw-Stellplätze befinden sich an der Seelenbinderstraße.

Im Haus gibt es fünf größere Kunstobjekte, vorwiegend von Künstlern aus Leipzig, so ein Ölgemälde im Sitzungssaal von Neo Rauch, Lichtinstallationen mit Würfel in der großen Eingangshalle von Hael Yggs, eine Spiegelwand in der Kantine von Peter Krauskopf oder das kinetische Objekt von Jörg Herold. Michael Jäger hat im Gebäude 69 farbige Glasscheiben an den Sichtbetonstützen installiert.

Im Eingangsbereich der Agentur für Arbeit Leipzig gibt es das Berufsinformationszentrum sowie das Selbstinformationssystem mit zahlreichen Bildschirmarbeitsplätzen. Seit Frühjahr 1998 werden mit Familienkasse, Ärztlichem Dienst und dem Berufspsychologischen Service alle Dienstleistungen an diesem Standort angeboten.

Berufsförderungswerk BFW Leipzig

Die Berufsförderungswerk Leipzig gemeinnützige GmbH (Kürzel: BFW Leipzig) ist eine 1990 gegründete Einrichtung zur Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben in der beruflichen Rehabilitation. Das Tochter-Unternehmen der Deutschen Rentenversicherung bietet Menschen, die sich wegen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nach Krankheit oder Unfall beruflich neu orientieren müssen, Hilfen zur Rückkehr in das Arbeitsleben.

Gegründet am 8. November 1990, begann der Unterrichts- und Lehrbetrieb am 15. Oktober 1991. Die Kosten für den Bau des BFW betrugen mehr als 134 Millionen D-Mark. Hauptkostenträger waren und sind die Deutsche Rentenversicherung und die Agentur für Arbeit.

Gebäude des Berufsförderungswerk BFW Leipzig (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122211312)
Berufsförderungswerk BFW Leipzig (Ghostwriter123, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122211312)

Seit der Gründung haben im BFW Leipzig mehr als 7.000 Teilnehmer einen neuen Beruf im erlernt. Es gibt rund 240 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine Außenstelle gibt es in Chemnitz, zeitweise bestanden Außenstellen auch in Zwickau, Döbeln, Plauen und Brand-Erbisdorf.

Der BFW-Gebäudekomplex in Leipzig-Möckern hat mehr als 15.000 Quadratmeter Hauptnutzfläche. Im siebengeschossigen Internats-Hochbau mit zwei Querflügeln gibt es 300 Apartments für Kursteilnehmer von außerhalb.

Der Park ohne Namen

Das 168.374 Quadratmeter große Grundstück des Sozialversicherungszentrums Leipzig wurde von 1996 bis 1999 nach Plänen des Architektenbüros Gerber & Partner aus Dortmund zum öffentlichen Park umgestaltet. Das planerische Gesamtkonzept des Areals hat eine klare Linie: eine „grüne Mitte“ mit Gebäudeanordnung an den Rändern, also größtmöglicher Freiraum für optimale Nutzung und Aufenthaltsqualität im Außenbereich.

Prägendes Element des Geländes ist der alte Baumbestand an der Mittelallee von der Georg-Schumann-Straße zur einstigen Hauptkaserne. Sie ist Achse und Verbindung des Areals von der Anbindung der öffentlichen Straße bis hin zum nördlichen Endpunkt des Parks. Die Pflanzung von Kastanien als parktypische Bäume geschah aus der Vorgabe der Mittelallee.

Mit dem Einsatz von Kupferschlacke und Natursteinen wurde versucht, dem Park einen gewachsenen Charakter zu geben. Auch entstand mit der Öffnung im alten Mauerwerk ein Durchgang zur Kleingartenanlage „Schreber-Hauschild“.

Blickfang ist das große, flache, durch die Mittelallee geteilte Wasserbecken mit drei Fontänen. Der Beckenboden hat eine Asphaltdecke, das Wasser stammt aus einem eigenen Brunnen.

Die Fläche vor der Agentur für Arbeit ist eine baumbestandene Mischverkehrszone mit gestalteter Fußgängerzone. Platanendächer schaffen eine schattenspendende Ruhe- und Aufenthaltszone.
Damit wurde an dieser Stelle zwischen Möckern und Gohlis einerseits eine stets für die Öffentlichkeit unzugängliche Fläche geöffnet und andererseits ein Behördenzentrum mit alten, denkmalgeschützten Gebäude sowie mit Neubauten gestaltet, die sich um diese „grüne Mitte“ gruppieren.

So entstand auf möglichst großem Freiraum ein Park, nach innen geschützt und nach außen mit Straßen- und Wegeverbindungen geöffnet. Für Bürger Leipzigs, Bewohner der benachbarten Viertel und Besucher des Sozialversicherungszentrums Leipzig entstand eine grüne Oase, die auch das umliegende städtebauliche Bild in Möckern aufwertet.

Die Parkgestaltung wurde Mitte 1999 fertiggestellt, die Gesamtkosten betrugen 135 Millionen D-Mark.

Bestens erreichbar

Die Institutionen auf dem Gelände der einstigen Kaserne Möckern sind bestens mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen: Es gibt mehrere Straßenbahn- und Bus-Haltestellen sowie zwei S-Bahn-Haltepunkte in direkter Nähe. Einer trägt den Namen „Olbrichtstraße/Sozialversicherungszentrum“.

Leipzigs Konversion mit visionärem Weitblick

Rückblickend haben die damals Verantwortlichen mit ihren Plänen zur nachhaltigen Umgestaltung der Kaserne Möckern ein hohes Maß an Weitblick bewiesen und visionär Weichen gestellt.
Heute ist das Sozialversicherungszentrum Leipzig das öffentlich wohl bedeutsamste Beispiel für erfolgreiche Konversion in Sachsen – und ein Vorzeigemodell für „Schwerter zu Pflugscharen“ à la Leipzig.

Vielleicht ist ja bald die Zeit reif, dem kleinen, feinen Park dort einen eigenen Namen zu geben.

Koordinaten: 51° 22′ 5″ N, 12° 21′ 13″ O

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Weil das mir so direkt ins Auge sticht: Dieser Ort ist im Nordwesten und nicht Nordosten 🙂

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