Natรผrlich sind heutige Mediennutzer skeptisch. Das ist sogar das schwerste Bleigewicht, das alle, die im Jahr 2015 Medien zu machen versuchten, zu bewรคltigen hatten. Sie haben es mit einer Leserschaft zu tun, die durch 25 Jahre missglรผckte Experimente und 15 Jahre medialer Selbstzerfleischung skeptisch und misstrauisch geworden ist. Zu Recht.
Denn die Produkte, die halten, was sie versprechen, sind rar geworden. Gerade auf den lokalen Mรคrkten. Was auch am (Werbe-)Geld liegt: Wer nicht aus dem Vollen schรถpfen kann, der kann auch nicht einfach so aus dem Kaltstart zehn, zwรถlf professionelle Journalisten fรผr alle Ressorts einkaufen und bezahlen. Die Kollegen, die jetzt noch in der Mannschaft der Leipziger Zeitung (LZ) mitarbeiten, werden es bestรคtigen: Man fand zwar eine Menge Leute, die gern fรผr ein ordentliches Gehalt arbeiten wollten. Aber die Wenigsten hatten das Format fรผr richtig gute Lokaljournalisten.
Und das ist nicht so, weil der Markt fรผr gute Leute in Leipzig abgegrast wรคre. Es gibt sie einfach nicht mehr. Die richtig guten sind allesamt im Lauf der vergangenen 15, 20 Jahre abgewandert, sind zu Sendern und Zeitungen gegangen, die noch die Kraft und dem Wumms hatten und haben, starke und kritische Geschichten zu verรถffentlichen. Denn Leute, die wirklich Journalist werden wollen (und das hat nichts mit โirgendwas mit Medienโ zu tun), die wollen kritische Geschichten schreiben. Fรผr die ist das ein Grund- und Lebensbedรผrfnis.
Andere, deren Bedรผrfnisse nachvollziehbar auch finanzielle sind, haben lรคngst den Weg in all die PR-Stuben eingeschlagen, aus denen es tรคglich trommelt und feuert. Oder sind Pressesprecher geworden, die persรถnlichen Lebenswege vieler Ex-Kollegen lassen sich so bis hinauf ins Kanzleramt nachzeichnen. Mancher nahm den Seitenwechsel vor, weil die Leidensfรคhigkeit erschรถpft war, andere aus Karrieregrรผnden, wenige auch, weil ihnen das echte journalistische Bedรผrfnis nie gegeben war.
Oder sie es eben in Leipzig schon lange nicht mehr ausleben konnten. Auch deshalb haben wir 2004 die L-IZ gegrรผndet. Auch deshalb haben sich ein paar von uns vor einem Jahr gesagt: Das Wagnis gehen wir ein.
Und auch die Idee, es einfach mal vom Start weg als Wochenzeitung zu versuchen, war so falsch nicht. Erst 1.000, dann 1.500 Abonnenten, die am Beginn sagen โJa, so was will ich!โ, sind fรผr diese Stadt und diese Zeit kein schlechter Start. Im Gegenteil. Die Resonanz bestรคtigte, dass ein Hunger da ist. Ein Hunger auch nach bedrucktem Papier, in dem sich die ganze Informationsflut aus dem Internet einmal in klar begrenzte 4.000-, 5.000-Zeichen-Artikel konzentrierte. So etwas, was man an einem gemรผtlichen Abend im Cafรฉ oder am Sonntagsfrรผhstรผckstisch oder bei einer lรคngeren Zugfahrt nach Chemnitz oder Dresden lesen kann. Etwas, was das Gefรผhl gibt, ein paar wichtige Dinge doch mal auf den Punkt gebracht zu sehen und โ wennโs gut wird โ auch noch gut erklรคrt und belegt.
Das war nicht immer so. Mancher hat es im Sommer mitverfolgt, wie heftig da vor und hinter den Kulissen gerungen wurde. Parallel รผbrigens. Denn natรผrlich waren alle viel zu enthusiastisch in das Projekt gestรผrmt. Obwohl die rote Linie von Anfang an feststand: Mit dem Bonus des Starts musste man schaffen, tragende Strukturen aufzubauen, auszutesten: Wie viel Zeitung nimmt diese Stadt sofort an? Wo braucht man einen lรคngeren Atem? Wie viele Leute trรคgt das Projekt?
Da krachte es ordentlich hinter den Kulissen. Das ist noch nicht ausgestanden. Auch wenn im Sommer dann fรผr den ersten Herausgeber der โLeipziger Zeitungโ, die Leipziger Zeitung UG, die Reiรleine gezogen werden musste. Da war Manches zu frรผh gekommen, zu enthusiastisch angegangen, einiges immer noch zu naiv gedacht. Bis hin zu einem wilden Artikel im โKreuzerโ, den die damaligen Macher dann lieber so schief in der Welt gelassen haben, wie er ist. Es gab zudem bis heute echt Besseres zu tun: Nรคmlich ein echtes Rettungsboot fรผr die โLeipziger Zeitungโ selbst zu bauen. Denn eines hat sich ja nicht geรคndert: der ungebrochene Bedarf der Stadt Leipzig an mรถglichst seriรถsen Medien.
Inzwischen hat die neu gegrรผndete LZ Medien GmbH die Herausgabe der โLeipziger Zeitungโ รผbernommen. Manche von jenen, die im Frรผhjahr 2015 losgestรผrmt sind, sind nicht mehr dabei. Was auch folgerichtig war: Noch trรคgt das Projekt keine voll ausgewachsene Mannschaft. Schรถn wรคrโs. Aber zumindest diese Ahnung hat sich bestรคtigt: Der Weg ist lang, bis so ein Zeitungsprojekt genug Kraft hat, um auch nur jedes einzelne Ressort mit einem voll bezahlten Redakteur besetzen zu kรถnnen. Notwendig ist es. Das weiร jeder, der sieht, was alles in dieser Stadt noch immer nicht bis zum Grund erzรคhlt wird.
Aber โ das muss man auch ab und zu mal sagen: Freizeitredakteure werden niemals einen nachhaltigen Journalismus auf die Beine stellen. Denn der braucht Zeit und Leute. Journalismus ist, wenn er ernst genommen wird, wirklich Mรผhe, Fleiร, Geduld, Zรคhnezusammenbeiรen, Dranbleiben und Sichimmertieferreinwรผhlen. Und dabei auch besser werden, jeder einzelne.
Deswegen stand mit dem Neustart am 1. Oktober 2015 auch die durchaus wichtige Frage: Wie verdichten wir den Stoff in dieser Zeitung? Wie sorgen wir dafรผr, dass der Stoff krรคftiger, die Inhalte brennender, die Themensetzung brisanter werden? Wer die Zeitung seit Oktober gelesen hat, weiร, wie wir an dieser Verdichtung gearbeitet haben. Und noch lange nicht fertig sind damit.
Was wir nicht รคndern konnten: Fรผr einen wรถchentlichen Kraftakt reichte die Leserbasis noch nicht aus. Das muss man irgendwann akzeptieren. Man kann natรผrlich auch Journalismus fรผr nass machen und einfach dafรผr arbeiten, dass Druckerei und Pressevertrieb ihr Einkommen haben.
Aber was ist das fรผr ein Journalismus? Ein ehrenamtlicher vielleicht? Einer zum Spaร an der Freud?
Nachhaltig ist das nicht. โ Deswegen haben wir dann ab Mitte November wirklich grรผndlich umgestellt. Die โLeipziger Zeitungโ erscheint jetzt monatlich. Dafรผr dichter, kompakter, geballter. Am 11. Dezember wurde sie erstmals in dieser Form verkauft. Und das Erstaunliche: Mancher Leser war sogar erleichtert. Denn auch wenn sich 24, 32 oder gar 40 Seiten erst mal nach wenig anhรถren โ das ist ganz schรถn viel. Zumal, wenn es eben keine Magazinseiten im A4-Format sind. Und das schaffen nur die Wenigsten innerhalb einer Woche zu lesen. Und es ist deutlich mehr Stoff, als in vergleichbar dicken Medien aus der Region sonst zu finden ist.
Natรผrlich wurden auch die Abonnements umgestellt. Mit den Abonnenten haben wir eifrig kommuniziert. Und wir haben endlich auch den logischen Brรผckenschluss hergestellt: Wer das LZ-Abo beibehielt, bekam auch eine L-IZ-Mitgliedschaft. Seither bieten wir es als Kombi-Abo natรผrlich auch konsequent zusammen an. Denn die Geschichten, die man in der LZ kompakt findet, werden in Teilen ja auch in der L-IZ tagesaktuell begleitet. Die Themen ergรคnzen sich. Auch durch andere Sichtweisen, Standpunkte, Recherchewege. Das soll sich ergรคnzen, befeuern und Spaร machen. Und โ wenn wir wirklich gut sind โ auch die Diskussionen anregen, die Leipzig so sehr fehlen.
Das heiรt fรผr 2016 natรผrlich ganz konkret: Einmal im Monat ist hoffentlich groรes Hallo, wenn die neue LZ auf den Tresen kommt. Wer nicht zugreift, bekommt ein paar wichtige Sachen einfach nicht mit. So selbstbewusst kรถnnen wir das schon sagen. Von den Autoren, die sich jetzt um den Titel versammelt haben, stecken die meisten tief in ihren Themen und wissen, wovon sie schreiben. Wenn es da und dort im Stil noch holpert โ das sind die sicheren Zeichen dafรผr, dass die โLeipziger Zeitungโ nach wie vor im Low Budget produziert wird. Es wird dauern, bis wir verkรผnden kรถnnen: Jetzt haben wir vier, sechs, acht fest bezahlte Redakteure, die gar nichts anderes mehr tun, als ihre monatlichen Top-Geschichten zu recherchieren.
Bis dahin haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Und auf dem wird sich auch klรคren, wie viele Leipziger sich sagen: โJa, das will ich jetzt auch wissen.โ
Denn eigentlich wรผnschen wir uns das ja: Eine Stadtgesellschaft, die sich selbst endlich wieder so ernst nimmt, dass sie wieder mรถglichst profund wissen will, โwie die Dinge laufenโ, welche Wege das Geld nimmt, wer wo Entscheidungen fรคllt und wie das eigene Stadtumfeld sich verรคndert. Und: Wie man sich selbst in die Dinge einmischen kann. Je mehr uns dabei unterstรผtzen, umso mehr kรถnnen wir berichten. Wenn es zu viel fรผr einen Monat werden sollte, dann kann man auch auf zwei Wochen oder wieder auf eine Woche hochschalten.
Aber das ist Zukunftsmusik und das entscheiden auch nicht wir. Das entscheiden Sie und Sie und Sie โ die Leser. Und bevor das hier ein ganzes Buch wird, ist hier einfach ein Punkt gesetzt. Bis zum nรคchsten Mal.
Die nรคchste LZ erscheint รผbrigens am Wochenende vom 8. Januar.
So kรถnnen Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstรผtzen:
Es gibt 4 Kommentare
Hm, ob das so eine gute Idee ist, das mit dem monatlichen Erscheinen? Dann nรคmlich steht die LZ mit dem kreuzer in Konkurrenz statt mit der LVZ, wie es eigentlich sein sollteโฆ
โmirโ, nicht โmichโ. Oje, dieses Umstellenโฆ.
Nachdem ich die zweiteilige Einleitung dann teils gelesen, teils รผberflogen hatte und endlich zum spannend erwarteten Teil des Artikels kam, offenbarte sich mich leider eine Art Selbstbetrachtung (Wรคre das nicht im Melder besser aufgehoben? Ich habe Journalismus erwartet, keine PR). Doch wer genau dieses vielbemรผhte โwirโ dann ist, bleibt leider offen. Offensichtlich aber die LZ (in Personalunion mit der L-IZ) selbst, die hier schreibt. Und รผber deren ganz eigene Vorgeschichte ich nicht sonderlich viel erfahre.
รbrigens lasse ich mich ungern unter die fassen, die die neue Monatszeitung begrรผรen, weil sie sonst zuviel Lesestoff fรผr eine Woche hatten. Ganz im Gegenteil.
Und eins noch:
โDenn eines hat sich ja nicht geรคndert: der ungebrochene Bedarf der Stadt Leipzig an mรถglichst seriรถsen Medien.โ
Ich sehe lediglich den Bedarf von 1.000 bis 1.500 Leipziger_innen an mรถglichst seriรถsen Medien, nicht der ganzen Stadt. Fรผr mich exemplarisch fรผr das durchaus pathetische Schรถngerede der letzten Monate.
Als ob ich das Abo nicht auch abgeschlossen hรคtte, wenn mal jemand schonungslos ehrlich mit sich wรคre. Aber wahrscheinlich wollen die meisten Konsument_innen das so.
โDie richtig guten sind allesamt im Lauf der vergangenen 15, 20 Jahre abgewandert, sind zu Sendern und Zeitungen gegangen, die noch die Kraft und dem Wumms hatten und haben, starke und kritische Geschichten zu verรถffentlichen.โ
Da mir weder ein Radiosender (mit Abstrichen Deutschlandradio), keine Wochen- und Tageszeitung und gleich gar kein Fernsehsender bekannt sind, die gegenwรคrtig noch die Kraft und den Wumms haben, starke und kritische Geschichten zu verรถffentlichen, stellt sich mir die Frage, welche Medien das nach ihrer Ansicht zur Zeit in Deutschland sind. An einer Antwort bin ich sehr interessiert!!
An einer Antwort darauf wรคre ich sehr interessiert!